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Cover-Steffens-Heimat

Andreas Steffens
Heimat.
Zwischen Selbst und Welt

Die Besonderen Hefte
Heftbroschur mit Schutzumschlag
60 Seiten, 2016, handgeheftet, EUR 6.50
ISBN 978-3-943940-19-0
Dieses Heft erscheint als Sonderausgabe in der Reihe »Die besonderen Hefte« anläßlich der Wuppertaler Literatur-Biennale 2016: »Utopie Heimat«.




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Heimat ist das Empfinden einer elementaren Zustimmung zu dem einzigen Faktum unserer Existenz, das vollkommen unbeeinflussbar ist: dass es uns überhaupt gibt. Denn wir sind ihre Produkte. Heimat ist die Summe alles dessen, was zusammenkam, um uns hervorzubringen. Eine Heimat also hat jeder; sie erfahren aber kann nur, wer Bekanntschaft mit der Fremde machte. Denn die Fremde ist die Erfahrungsstimmung, in der die Welt in ihrem Urverhältnis zum Menschen erlebt wird.


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Vorrede


Seit ihrer Erfindung durch die Romantik wurde ›Heimat‹ so sehr zu einem ›deutschen Thema‹ mit schließlich weltpolitischen Folgen derart verheerenden Ausmaßes, dass sie zu einem deutschen Tabu werden mußte. Zu sehr hatte der Mythos der eigenen der Ideologie der Zerstörung fremder Heimat gedient. Der Rückschlag, der aus Eroberern von ›Lebensraum‹ Vertriebene aus ihrem eigenen machte, ließ ›Heimatliteratur‹ als Klage über das durch eigene Schuld Verlorene überwiegend zu einem Synonym der Unbelehrbarkeit werden. Ungenießbar.
Dabei ist Heimat so sehr Phänomen des Menschenlebens überhaupt, immer und überall, dass sie zu den ewigen Themen der Literatur gehören muß. Sie bezeichnet die Urproblematik des Daseins.
Die Erde ist keine Heimat.
Dieser vorletzte Satz aus Josef Bierbichlers Antiheimatroman »Mittelreich« bezeichnet den Kern des Problems. Heimat ist nicht, was es von Geburt gibt, auch nicht, was es als Ziel menschlicher Daseinssehnsucht geben kann und sollte; vor allem sonst ist sie, was es geben muß: sekundäre Bedingung menschlicher Lebensmöglichkeit, weil deren primäre Bedingung die Verfassung der Welt ist.
Die aber prägt Gleichgültigkeit. Der Mensch braucht die Welt; aber sie ihn nicht. Sie ist, wie sie ist, und bleibt in allen Veränderungen an der Oberfläche der Erde, was sie ist, ein nach ebenso unbekannten wie unbeeinflußbaren Gesetzen existierendes Etwas im Universum. Die menschliche Daseinskunst ihrer Kultivierung, die Fähigkeit, aus Wüsten Gärten zu machen, ist nicht nur die Voraussetzung aller Heimat, sondern deren vollendete Wirklichkeit. Es gibt sie dort und so, wo und wie es Menschen gelingt, allen Weltwidrigkeiten zum Trotz, zu leben. Weil die Feindlichkeit der Welt nie ganz durch ihre Kultivierung überwunden wird, ist Heimat mehr ewige Sehnsucht als sichere Wirklichkeit. Vor allem sonst, ist Heimat ein Bedürfnis.
Wie wenig Heimat eine Ortsbestimmung ist, sondern ein Zustand der Welt, tritt hervor, wenn die einem zugeborene als Fremde erlebt wird. Wer sie deshalb verläßt, und das ihm Gemäße ›in der weiten Welt‹ sucht, auf den wartet dort die Überraschung, zu entdecken, wie sehr das Geflohene schon das Gesuchte gewesen ist.
In der Befremdung durch das Eigene wird die ursprüngliche Gleichgültigkeit der Welt gegenüber dem Dasein des Menschen in ihr zur Erfahrung. Jedermann ist dem Exil näher, als vermutet. Hinein kann man geraten, auch ohne, dass man sich nur einen einzigen Schritt weit von seiner Herkunftsheimat entfernt haben müßte. Darin liegt eine der beständigsten Quellen von Poesie, Literatur, produktivem Künstlertum überhaupt.
Durs Grünbein hat in seiner »Skizze zu einer persönlichen Psychopoetik« die Erfahrung der Herkunftsheimat als Fremde, als Ausgeschlossenheit von der Welt, deren Garantie der Bewohnbarkeit sie doch gleichzeitig ist, als Ursprung seiner Dichtung exemplarisch beschrieben. Vor der Haustür begann eine Sphäre, die sich geographisch über viele Längengrade und Zeitzonen erstreckte, vom heimischen Sachsen bis in die innerste Mongolei, die politisch dagegen von einer einzigen Herrschaftsform bestimmt wurde, welche den Rest des Erdballs zum Tabubereich deklarierte. Ich habe dieser Landmasse, in Umkehrung der Verhältnisse und um das atmosphärisch Zwielichtige, seinerseits Tabubelastete dieser meiner Nicht-Heimat zu betonen, eine Metapher angehängt, die meinem ersten Gedichtband den Titel gab: »Grauzone morgens«.
Die Bedingungen, unter denen wir überhaupt leben können, sind immer auch die, die verhindern, es auf die einem gemäße Weise zu tun.
Obwohl jedermann eine von Geburt hat, wird Heimat als Notwendigkeit des Daseins erst in ihrem Verlust ganz kenntlich. Zwischen den Polen der Bedrückung, die sie selbst ist, und der, sie verloren zu haben, zwischen der Fremde als Utopie einer als Last empfundenen Heimat, und der Heimat als Utopie einer unfreiwilligen Fremde, kreisen die elementaren Erfahrungen mit ihr.
Sie ist ein Zustand der Welt, den wir kaum bemerken, wenn wir ihn besitzen, und sehnsüchtig entbehren, wenn wir ihn verloren: der Zustand einer relativen Daseinssicherheit. Das macht die Möglichkeit von Heimat zu einem Kernproblem der ›Ontoanthropologie‹.
Der Umgang der Menschen miteinander ermöglicht und begrenzt Heimat; ihr Verhältnis zur Welt macht sie notwendig. Weil die Welt ist, wie sie ist, muß es Heimat geben, als deren Bearbeitung zur Ermöglichung eines erträglichen Menschenlebens in ihr. Dieser Zwang unterwirft die Beziehung der Menschen zueinander der Konkurrenz um die bewohnbaren Zonen der Welt. Alle Formen gegenseitiger Unverträglichkeiten gehen darauf zurück, vom Familienzwist und Nachbarschaftsstreit bis zu Mord und Krieg. Weil es Heimat nur gegen die Welt geben kann, ist sie so schwer zu haben, und noch schwerer zu behaupten.
Heimat hat, wer mit dem Zustand der Welt, in der er lebt, einverstanden sein, und sich im Einklang mit ihr mit sich selbst einig fühlen kann. Dies zu Ende gedacht, ist Heimat dort, wo man bereit sein kann, zu sterben. Wo der Skandal des Todes endet. Jedes erzwungene Exil stellt ihn wieder her.
Die Heimatlosigkeit wird ein Weltschicksal. Dieser Schlüsselsatz aus Heideggers berüchtigtem ›Brief‹ »Über den Humanismus«, den er 1946 an seinen französischen Übersetzer Jean Beaufret richtete, und 1949 veröffentlichte, ist eine der wenigen Prophezeiungen eines Philosophen, die sich bewahrheiten sollten. Das Zeitalter der Vertreibungen begann mit den Weltkriegen des zwanzigsten Jahrhunderts, endete aber mit ihnen nicht. Es setzt sich fort in den kriegerischen Ausschlägen der Weltpolitik, zu denen diese nach dem Ende ihrer Erstarrung im Patt des Ost-West-Konfliktes als welthistorischer ›Normalität‹ zurückgekehrt ist.
Der syrische Exodus seit 2015 wird der vergleichsweise harmlose Auftakt zu einer neuen Völkerwanderung sein, deren Auslöser die absehbaren erdgeschichtlichen Katastrophen infolge einer global wütenden zivilisatorischen Antiökologie sein werden. Die Mittel der Kultivierung der Welt zum Lebensraum des Menschen sind längst zu ihrer gefährlichsten Bedrohung geworden. Einzig mögliche Heimat des Menschen, wird die Erde immer weniger Menschen eine bieten. Kein Mensch kann leben, wenn ihm der Ort entzogen ist. Wer jemanden um ihn bringt, bringt ihn um. Das Recht auf Wohnung, das auch ein natürliches Recht ist, beruht auf der universalen Schwäche des Lebewesens (Serres, Übel, 82).
Die durch Aufteilung unter wenige Besitzende enteignete Welt erstickt im Müll ihrer Beherrschung. Da die Welt grenzenlos wurde, wird ihre Gefährdung total. Ihre Kultivierung zur Heimat des Menschen schlägt um in globale Heimatlosigkeit. Der Gedanke des ›Naturvertrages‹, den Michel Serres dieser apokalyptischen Bilanz des bisherigen Zivilisatationsprozesses seit Jahrzehnten entgegensetzt, ist inmitten der hemmungslosen Weltherrschaft der Bereicherungsökonomie, die alle dem Willen einiger unterwirft, solange chancenlos, wie diese andauert. Als eigene Wohnstatt wird die Welt, in globaler Miete, zum Hotel der Menschheit. Wir haben sie nicht mehr; wir bewohnen sie nur noch als Mieter (Serres, 78 f.).
Dieser Utopie der Welt als Heimat des Menschen steht die Wirklichkeit einer Weltpolitik entgegen, die begonnen hat, zum Kampf aller gegen alle um die Bewohnbarkeit einer von wenigen besessenen Welt zu werden. HEIMAT ist die Parole eines letzten Krieges, der als erster die gesamte Welt umspannt.





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