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Andreas Steffens
Burgund.
Eine anthropoästhetische Skizze

Die Besonderen Hefte
Heftbroschur mit Schutzumschlag
60 Seiten, 2010, handgeheftet, EUR 6.50
ISBN 978-3-935421-53-9


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Leseprobe




Als Inbegriff französischer Lebensart, als Paradies der Gourmets und Weinliebhaber, als Land gebildeter Ferienlust, ist Burgund weithin bekannt; unbekannt ist es als erstes frühneuzeitliches Labor einer nachmittelalterlichen europäischen Kultur. Aus der Perspektive einer Anthropologie, die nicht mehr darauf angelegt sein kann, ›den‹ Menschen zu bestimmen, sondern das Erscheinen seiner Idee im Bewusstsein zu erforschen hat, erinnert Andreas Steffens in seinem Essay an eine verlorene Möglichkeit der Geschichte: untergegangen, wirkt Burgund fort.
Dort läßt sich noch heute in körperlicher Evidenz erfahren, dass die Erfüllung der Aufgabe, die sich dem Wesen ›Mensch‹ stellt, seit es begann, sich seiner bewusst zu werden, möglich ist: seine Natur mit der Bestimmung seines Seins so zu versöhnen, dass ihm die Welt zur Heimat seines Daseins werde.









Leseprobe

Vorweg

Auch eine Medienwissenschaft
Was, wenn?
Das erbarmungswürdigste Stiefkind der Geschichtsschreibung ist die unverwirklicht gebliebene historische Möglichkeit.
Alexander Demandts (über)mu(e)tige Apologie der unter Historikern vom Fach geächteten Frage »Was wäre geschehen, wenn?« ist der einzige Versuch geblieben, sie in die seriöse Historie einzuführen. Er schlug fehl. Was zu erwarten war. Gleichwohl ist sein Traktat ›Ungeschehene Geschichte‹ eine der wichtigsten Abhandlungen der neueren Geschichtstheorie.
Eines seiner Beispiele hätte auch lauten können: Was wäre geschehen, wenn Karl der Kühne, der der letzte der ›großen Herzöge‹ Burgunds sein sollte, nicht mit fast allen seinen Kriegern im Winter 1477 vor Nancy von den Schweizer Söldnern des Herzogs von Lothringen wie Vieh erschlagen worden wäre, sondern die Schlacht gewonnen, und seinen Traum eines wiederhergestellten lotharischen Mittelreiches hätte verwirklichen können, das sich von Marseille bis Brügge, von Besancon bis Reims erstreckt hätte? Ein Reich, in dem das Stadtbürgertum den Ton angegeben, und die Künste dem Herrscher so nahe gestanden hätten, dass sie seine Wahrnehmung der Welt bestimmten? Ein Reich, in dem der Klerus auf Seelsorge beschränkt geblieben, und Handel, Gewerbe, Kunst und Wissenschaft zu staatstragendem Rang erhoben gewesen wären, bevor sie in den oberitalienischen Stadtstaaten zu Weltmacht gelangten? Was die Historie nicht kennen will, besitzt die Literatur. Das dort Vermiedene erprobt sie in einem apokryphen Genre, das ich gelegentlich als ›Interpolationsroman‹ kennzeichnete (Steffens, Unermessenheit, 76-78). Von Peter Weiss ›Ästhetik des Widerstandes‹, Karin Reschkes ›Verfolgte des Glücks‹, Wolfgang Hildesheimers ›Marbot‹ ist es nicht gering repräsentiert.
Die Burgund-Literatur ist zahlreich, nicht nur im Genre der Reiseführer. Unüberschaubar, welche Romane und Erzählungen, Essays und Erinnerungen in Burgund entstanden, deren Handlungen dort spielen, deren Themen dort ergriffen wurden oder Klärung fanden.
Mir selbst erging es dort über viele Jahre so, mancher Text bereitete sich bei zahlreichen Aufenthalten an verschiedenen Orten vor, mehr als eine Erfahrung trug zur Schärfung der wesentlichen Gedanken bei, wie jener ein Jahrtausend alte Altarstein in Cluny zur Bestimmung des Grundbegriffs der Erfahrung der Geschichte (Steffens, Wiederkehr, 65 ff.).
Die in mir umgehende große Studie über das Denken von Geschichte – was etwas anderes ist als historisches Denken – , die sich mir auferlegte, wann immer ich dort war, eine Erzählung, eine Novelle, in die deren Thematik sich immer wieder zusätzlich verwandeln wollte, den Gedanken im Leben zu zeigen, aus dem er hervorgeht, sie keimen weiter.
Dafür erschienen, nicht zum ersten Mal, aber nun in ihrem Verlangen, realisiert zu werden, unabweisbar, eigene Bilder (Steffens, BildGedacht, IV). Dass deren Bezüge immer wieder ›burgundisch‹ nicht nur in den unauslotbaren Tiefen ihrer Inspiration sind, wurde zum letzten Anstoß, in dieser Skizze zu umreißen, was ›Burgund‹ für ein Bedenken von Geschichte bedeuten kann, das sich von der Frage nicht abbringen läßt, warum wir die Menschen sind, für die wir uns halten müssen, und wie wir wohl die sein könnten, die sein zu sollen wir manchmal spüren.

Das, was
Die Geschichte der Politik kennt kaum Möglichkeiten, sie folgt den Zwängen, die Absichten und Interessen stiften; die Geschichte der Kultur lebt von ihnen. Sie besteht aus nichts anderem als dem unentwegten Versuch, Möglichkeiten ausfindig zu machen, zu erproben und in den Gang der Notwendigkeiten einzuschleusen. Ihre Erfindungen werden immer dann zu Wirklichkeiten, wenn die handelnden Interessen nach Legitimation verlangen. Dann schlägt die Stunde dessen, was unartikuliert im Hintergrund der Motivationen längst wirkte.
Burgund ging politisch unter; und wirkt fort, wann immer in Europas Kultur Bedürfnis oder Erfordernis regbar werden, sich ihrer zu vergewissern. Seit seinen eigenen Verwirrungen des vergangenen Jahrhunderts und mit den akut werdenden nah- und fernöstlichen des begonnenen, wird der Blick zurück wieder dringlich, um einschätzbar zu machen, was bevorstehen mag – mehr noch aber, was darin auf dem welthistorischen Spiel steht.
Das macht auch Burgund ›aktuell‹: als Mythos der kulturellen Fortwirkung einer politischen Episode, in der eine Möglichkeit Europas sich andeutete. Da wir kaum noch wissen, was die Kultur ausmacht, die wir haben, wird es wieder Zeit, zu erfahren, welche wir hätten haben können. Deren Spuren umgeben uns. Die Vergegenwärtigung dessen, was sich nicht verwirklichte, macht sie sichtbar.


I
Nähe des Fernen
Grösser als räumliche ist zeitliche Entfernung. In deren Erstreckung geht verloren, dessen zu vermutende Fortdauer gerade es ist, was Interesse an Vergangenem weckt und trägt. Dann kann räumliche Nähe materieller Überreste der Erinnerung zugutekommen.
Es liegt nahe, keine Stunde Autofahrt entfernt, und doch habe ich es erst entdeckt, als mir die Landschaft, aus der es herstammt, vertraut und bedeutend geworden war – : Altenberg ist ein Stück Burgund im Bergischen Land. Der ›Bergische Dom‹ geht zurück auf eine jener Klostergründungen, mit der die Erzabtei der Zisterzienser im 12. Jahrhundert Europa überzog. Noch heute liegt der Ort versteckt in einem uneinsehbaren Tal, und selbst in der reinen Kulturlandschaft, die es heute umgibt, ist etwas spürbar geblieben von jener Rauhheit und Unwegsamkeit, zu der die zweite große monastische Reformbewegung des christlichen Mittelalters sich bei der Gründung ihrer Klöster verpflichtete.
Im Jahr 1098 in Citeaux in der Nähe von Dijon gegründet, breitete der Orden der Zisterzienser sich unter der Führung Bernhards von Clairvaux (1091-1153) explosionsartig aus. In einem Jahrhundert brachte man es auf nahezu siebenhundert Filiationen. 1133 vollzogen, fällt die Gründung des ersten Altenberger Klosters in die Zeit seiner Hochblüte.
Burgunds Kultur ist erinnernswert nicht, weil es eine reiche, prächtige und schöne Kultur war; sondern weil sie als eine der ersten mit Bewusstsein und Absicht Kultur sein wollte, entstanden aus der Erfahrung der elementaren Unzumutbarkeit des Lebens. In strenger Erneuerung der ursprünglichen Regel der Benediktiner des ›ora et labora‹ setzen die Zisterzienser ihr die Demut einer tätigen Askese entgegen, deren zivilisatorische Leistungen die geistigen und materiellen Grundlagen für die Rekultivierung Nordeuropas legten, nachdem deren erste Ansätze in der ›karolingischen Renaissance‹ in den Verwüstungen der Völkerwanderung zugrundegegangen waren.
So wenig wir von jenen fernen Vorfahren wirklich wissen, und falls wissen, verstehen können, so sehr sind wir mit ihrem Dasein über den alles entwirklichenden Zeitabgrund hinweg in der Erfahrung der Fragwürdigkeit des Lebens verbunden. Deren Symptome sind andere; ihre Wirkung ist die gleiche. Am Grund aller Lebensentäußerungen, die zu den Hinterlassenschaften vergangenen Lebens führten, die es Späteren erlauben – oder auferlegen – , sich zu erinnern, liegt jene Grunderfahrung des Menschseins, die alles entstehen läßt, was ›dem‹ Leben Kontinuität und Sinn verleiht.
Burgunds späte Ausstrahlung ist zeitenübergreifend, sie rückt das Ferne nah, und macht es als Widerklang des Eigenen nicht nur anwesend, sondern verständlich, im Konvergenzpunkt dieser Erfahrung der Weltfremde, die eine frühneuzeitliche ebenso wie eine spätmoderne ist. Wie die sich nach ›Nachgeschichte‹ sehnende Kultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Menschenleere der Welt und die Weltlosigkeit des Menschen erfährt und in ihren Künsten bezeugt, so entdeckt die von eben dieser Erfahrung getragene Kultur Burgunds das Gegenmittel: die Anerkennung der Welt und die Zuwendung zu ihren Gütern als Sinn des Daseins in ihr.
Das 15. Jahrhundert, das die Welt dermaßen wiederzuentdecken beginnt, wie es die Schrecken des Daseins nicht länger einfach nur hinnehmen will, kannte den Menschen noch nicht, der Herr über sich werden will, und aus sich das Wesen macht, das er glaubt zu sein, indem er sich die Welt untertan macht; aber es kannte das Mittel dazu, die Einbildungskraft.
Als Erben des Untertans der Weltausbeutung kennen wir diesen Menschen, zu dem die Anwendung ihrer Mittel ihn machte, die ihn vom Herrn seiner Zwecke zum Sklaven ihrer Mittel werden ließ, nicht mehr. Ihn in seiner Wirklichkeit dort, wo er einen seiner ersten Ursprünge hatte, zu vergegenwärtigen, ist einer jener unvermeidlichen Umwege, die das menschliche Selbstbewusstsein immer wieder nehmen muß, um zu sich zu finden. Wir erfahren, wie wir sein sollten, indem wir verstehen, wie jene wurden, die wir nicht mehr sein können, obwohl sie uns hervorbrachten. Unter der Voraussetzung, dass die Aufgaben ihres und unseres Daseins im Wesentlichen dieselben sind: in einer widerständigen Welt zu leben, die wir gerade deshalb als unsere Welt zu behandeln haben, je weniger sie uns als unsere erscheinen will.
In Burgunds kurzer Geschichte liegt eines der klarsten Modelle dieser elementaren Kulturpraktik. In ihr erscheint der Mensch, der zu werden unsere Aufgabe im Dasein ist.






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Vorübergehend. Miniaturen zur Weltaufmerksamkeit



Ontoanthropologie. Vom Unverfügbaren und seinen Spuren



Jedermanns Exil. Die Daseinsfigur des Vertriebenen





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Autorenfoto Andreas Steffens



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