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Otto, Hans-Werner:
Brickendrop und das Patenkind
Erzählung
Die Besonderen Hefte
Heftbroschur mit Schutzumschlag
64. S.; 2011; handgeheftet, EUR 6,50
ISBN: 978-3-935421-77-5.


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Die wahre Geschichte einer eigenartigen Verbindung

»Meinem lieben Patenkind Ingrid Renate
mit allen guten Wünschen zur Vermählung
Fuschl, 10. Juni 1944, Joachim von Ribbentrop


Was verbindet Joachim von Ribbentrop, Reichsminister des Aus­wärtigen im Dritten Reich, mit diesem Mädchen aus Wuppertal?
Hans Werner Otto erzählt die wahre Geschichte einer eigenartigen Verbindung aus einer grausamen Zeit, in der Politik und Macht das Leben einer Familie im Bergischen Land auf vielerlei Art beeinflussen ...

Auf der Anklagebank im Nürnberger Gericht scheint er sich niemandem zugehörig zu fühlen.
In seinem eleganten dunklen Dreiteiler, zwischen Heß und Keitel eingezwängt, die Hände im Schoß, hält er den Blick in neutrale Fernen gerichtet.
Nicht so, als erwarte er von dort Erlösung. Der Blick hält einfach nur den Kopf fest, der sonst auf die Brust sinken müsste.




Leseprobe:


1

Eine massiv silberne Schale, dreißig Zentimeter im Durchmesser, der Rand ziseliert und mit einer handschriftlichen Gravur versehen, die vielleicht dezent wirken will, denn sie ist schnörkellos und scheint eher nüchtern. Aber sie wirkt ganz und gar nicht dezent, denn sie ist viel zu groß geraten, nimmt den Rand in ganzer Breite ein, drängt sich auf und würdigt die Schale herab zu einem reinen Gravurträger.
Meinem lieben Patenkind Ingrid Renate
mit allen guten Wünschen zur Vermählung!
Fuschl, 10. Juni 1944,
Joachim von Ribbentrop


Fuschl: ein Schloss bei Salzburg, nicht weit vom Obersalzberg. Der Besitzer, der es nach der Besetzung Österreichs abgelehnt hatte, an Ribbentrop zu verkaufen, wurde als katholisch-nationalistischer Aktivist nach Dachau gebracht, wo er bald starb. Das Schloss selbst requirierten die neuen Machthaber, der Außenminister betrachtete es als einen angemessenen Sommerwohnsitz, ganz in der Nähe des Berghofs seines Führers, und verlegte auch Amtstätigkeiten nach Fuschl, hielt Hof und empfing Diplomaten.
Gar nicht viel später wurde der erste Sissi-Film hier gedreht, der das Gebäude und die Aussicht auf den See als Kulisse verwendete, und Romy Schneider wohnte während der Dreharbeiten als angehende Kaiserin im Schloss.
10.Juni 1944: Die alliierte Invasion in der Normandie, die vor vier Tagen begonnen hat, läutet das Ende ein. Die NS-Staatsspitzen geraten in höchste Aufregung und müssen eigene defätistische Anwandlungen voreinander geheimhalten und mit zusammengebissenen Zähnen bekämpfen.
In Jena, wo ihr Mann viele Verwandte hat, heiratet an diesem Tag Ingrid, das Patenkind. Viele Gäste kommen, man flüchtet vor Bomben und Elend in ein schönes Fest, wo im Innehalten eine Unbekümmertheit zelebriert wird, die keine Grundlage hat. Das Hochzeitsgeschenk vom Patenonkel aber, die Silberschale, bringt ihr die Reichspost nicht nach Jena, sondern nach Wuppertal-Barmen, Stadtviertel Unterbarmen, in die Parsevalstraße. Eine Woche später, zurück von einer kurzen Hochzeitsreise, wird Ingrid es ausgepackt und angesehen haben. Und irgendein Gesicht wird sie dazu gezogen haben. Was macht man mit solch einer Schale?
Man könnte sie, mit Obst oder Konfekt gefüllt, Gästen reichen. Aber da ist dieser breite, ziselierte Rand. Wäre die Gravur doch nur auf der Rückseite angebracht. Oder, wenn schon auf der Vorderseite, dann wenigstens in der Mitte, so dass sie - jedenfalls fürs Erste - immer von ein paar Äpfeln oder Keksen verdeckt bliebe. So aber bleibt sie sichtbar, Obst und Kekse reichen nur selten über den Rand hinaus. Was macht man mit solch einer Schale?
Das Silber ist inzwischen angelaufen. Auch im Speicherversteck, von Packpapier verhüllt, zwischen all dem, was man sich noch nicht wegzuwerfen entschlossen hat, hat es mit dem Luftsauerstoff reagiert.

2


Auf der Anklagebank im Nürnberger Gericht scheint er sich niemandem zugehörig zu fühlen. In seinem eleganten dunklen Dreiteiler, zwischen Heß und ribbentrop-nuernberger-prozess.jpgKeitel eingezwängt, die Hände im Schoß, hält er den Blick in neutrale Fernen gerichtet. Nicht so, als erwarte er von dort Erlösung. Der Blick hält einfach nur den Kopf fest, der sonst auf die Brust sinken müsste. Aber er trägt ihn auch hinaus, dieser Blick, hinaus aus der Reihe der Kriegsverbrecher, zu denen er zählt, mit denen er sich gemein gemacht hat und mit denen er jetzt gar nicht viel gemein haben möchte. Göring dagegen, außen sitzend, die Beine übereinandergeschlagen, den rechten Arm lässig auf die hölzerne Absperrung gelehnt, blickt seine Reihennachbarn prüfend an, Keitel schaut zurück, aber der ehemalige Reichsminister des Auswärtigen lässt seinen ins Ferne gerichteten Blick nicht von den ihn kreuzenden beirren. Auf einem weiteren Foto sieht man Joachim von Ribbentrop sich mit der linken Hand an den Krawattenknoten greifen. Der Gesichtsausdruck ist derselbe, die Lippen geschürzt und die Augenlider halb geschlossen, will vornehm sein und wird in seiner Umgebung doch immer nur als blasiert empfunden. Man hat den Reichsminister nicht gemocht, er passte nicht zu dem polternden Göring, dem geifernden Goebbels, nur Hitler hat große Stücke auf seinen Chefdiplomaten gehalten: Flottenabkommen mit England, Nichtangriffspakt mit Stalin. Aber Hitler ist tot und er hat Ribbentrop in seinem Testament noch nicht einmal vorgesehen, ein anderer sollte jetzt ein Auswärtiges leiten, das es schon gar nicht mehr gab. Hitler hat ihn hochgehoben und schließlich doch fallen lassen. Der Gesichtsausdruck ist derselbe, doch der Blick scheint aus neutrale Fernen nach innen gerutscht zu sein. Die Krawatte ist zu eng geworden und nimmt den Strick vorweg, den man dem Außenminister bald um den Hals legen wird.

4

Sie wohnen zuerst an der Werther Brücke, in einer Wohnung über dem Klaviergeschäft Faust. Zwischen Klavierklängen und Schwebebahnquietschen kommt 1913 ihr erstes Kind zur Welt, stirbt aber gleich nach der Geburt. Als Evelyn im nächsten Jahr schon das zweite, Isolde, gebärt und der junge Vater in den Weltkrieg ziehen muss, braucht die junge Mutter mit englischem Akzent inmitten von Barmern unbedingt Unterstützung, meint ihre Großmutter, reist aus Kanada an und bleibt sieben Jahre. Grannys Anwesenheit ist für Evelyn eine große Hilfe, und bei der deutschen Verwandtschaft ist die alte Dame beliebt, vermutlich auch deshalb, weil sie als Spross irisch-schottischer Vorfahren auf die Engländer schimpft. Während des Krieges gilt sie trotzdem als feindliche Ausländerin, darf von Barmen ohne polizeiliche Genehmigung noch nicht einmal in die nähere Umgebung nach Remscheid und erhält einmal im Monat Besuch von einem freundlichen Polizisten, der nachschaut, ob sie noch da ist.
Was Werner Sehlbach im Krieg erlebt, ist nicht bekannt. Es ist immerhin genug, um später ausgiebig davon zu schweigen, und man erfährt nicht, warum ihm das Eiserne Kreuz verliehen wurde. Bei Kriegsende kehrt er als Offizier heim, wird noch einmal Vater und nennt seinen Sohn Oswald, nach dem eigenen Vater, der auf dem Sterbebett liegt und so noch einmal erfahren soll, wie sehr er geschätzt wird. Vielleicht ist es diese Namensgebung, die dazu führt, dass der dann doch nicht stirbt, sich erholt und dem Sohn noch Jahre später in die Geschäftsführung hineinredet. Die Firma expandiert nicht, läuft aber gut, und die Sehlbachs können sich den Kauf eines kleinen, aber durchaus repräsentativen Hauses in der Parsevalstraße leisten, wo sie bis zu ihrem Lebensende wohnen werden. Sehlbach darf sich neben dem Kontor wieder dem Gesang widmen, tritt 1920 in den Vorstand der Barmer Konzertgesellschaft ein, gibt wieder Konzerte in der Barmer Bürgergesellschaft Concordia, deren Mitglied er ist, jetzt aber häufig in Duetten mit dem Mezzosopran Evelyns. Bürger und Künstler. 1923 wird das vierte Kind geboren, Ingrid, die Patentochter.
Bei Oswalds Geburt stand Lothar Ribbentrop Pate, jetzt ist sein jüngerer Bruder an der Reihe.
Joachim Ribbentrop hat inzwischen viel erlebt: er hat bei der Eisenbahn gearbeitet, war Journalist in New York, Weinimporteur in Ottawa, hat dann in Montreal 1914 wieder Eishockey gespielt, im selben Jahr allerdings Kanada als feindlicher Ausländer Hals über Kopf verlassen, um in den Ersten Weltkrieg zu ziehen, kam trotz einer Kontrolle des Schiffes durch die Briten heil ins Deutsche Reich, wo man ihn sofort in ein Kavallerieregiment aufnahm, er ritt als Husar an die Ost- und Westfront, erhielt das Eiserne Kreuz und den Rang des Oberleutnants, wurde verwundet und überstand den Rest des Krieges als Militärattaché an der Deutschen Botschaft in Istanbul, wo er einen Herrn von Papen kennenlernte. In den ersten Friedensmonaten reiste er als Handelsvertreter für Meißener Porzellan, arbeitete dann eine Zeitlang in einer Bremer Baumwolle-Handelsfirma, bevor er schließlich 1919 nach Berlin zog, sich wieder im Weinhandel versuchte und groß, gutaussehend, Tennisspieler, guter Tänzer, stets elegant gekleidet, mit Melone und Stockschirm ganz englischer Gentleman schnell Zugang zu den vermögenden Kreisen fand. Hier lernte er im selben Jahr Annelies kennen, die Tochter des Sektkönigs Otto Henckell. Er witterte Aufstieg, trennte sich von seiner Freundin und bändelte mit Annelies an. Die Henckells misstrauten ihm anfangs und Frau Henckell blieb auch bei ihrer Ablehnung: später sollte sie über Ribbentrop sagen, sie wundere sich, dass ausgerechnet der dümmste ihrer Schwiegersöhne es am weitesten gebracht habe. Schlechte Karten.

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Doch dann startete Ribbentrop, der Glücksritter, seinen Coup, und man weiß nicht, ob es ihm schon um Annelies oder erst nur um Whisky ging, jedenfalls besaß er am Ende beides. Und das ging so: Der deutsche Handelsvertreter von Johnnie Walker starb und Walker brauchte Ersatz, also setzten sich sofort zwei Kandidaten in den Zug nach Schottland. Als Ribbentrop davon erfuhr, kaufte er kurzerhand mit geliehenem Geld ein altes Reichswehrflugzeug, ließ sich über den Kanal fliegen und landete vor dem schottischen Schloss. Die Konkurrenten saßen noch im Zug, während Walker seine Tasse Tee absetzte und den Mann besah, der da über seinen Rasen auf sein Schloss zuging. Ribbentrop machte das Rennen und erhielt die Whisky-Vertretung, die Sache sprach sich rum: ein Hasardeur, ein Tausendsassa, dieser Ribbentrop, Schneid hatte er. Jetzt konnte König Henckell nicht anders, er gab ihm die Hand seiner Tochter und das halbe Königreich dazu: Teile der Berliner Sekt-Vertretung. Darauf wurde angestoßen. Mit Henckell trocken. Ribbenplopp.
Es ploppt noch etliche Male: 1921 erster Sohn, 1922 die Tochter, Henckell-Geld erlaubt den Umzug zu den Noblen nach Dahlem, Villa mit Park und Tennisplatz. Da macht einer sein Glück und einmal geschmiedet scheint es ihn zu verfolgen. Natürlich bleibt auch noch für andere was übrig, Joachim will nicht hinter seinem Bruder Lothar zurückstehen und wird also nominell Patenonkel, als in der Barmer Parsevalstraße die Taufe der kleinen Ingrid gefeiert wird. Nominell, denn er ist gar nicht zugegen. Auf dem festlich gedeckten Tisch erinnern an ihn nur ein paar Teller, die er bei Besuchen während seiner Zeit als Vertreter für Meißener Porzellan zurückgelassen hat. Und vermutlich hat er auch ein paar Flaschen Sekt springen und nach Barmen schaffen lassen.
Sein eigenes Geschäft läuft so gut, dass er im Jahr darauf die Henckell-Vertretung abgeben, sich unabhängig von der Familie seiner Frau machen und der missgünstigen Schwiegermutter fester in die Augen sehen kann. Mittlerweile ist er Kunstsammler, Annelies hat Kunstgeschichte studiert und umgibt sich mit Monets, Courbets; Joachim kauft kostbare Tapisserien, man veranstaltet Cocktailpartys und Bridgeabende, bei ihnen trifft sich die Berliner Prominenz aus Banken und Industrie.
Auch Juden?
Aber ja, selbstverständlich sind auch Juden darunter, viele seiner Geschäftspartner sind Juden, so viele, dass sich einmal ein Gast fragt, ob er denn außer den Gastgebern der einzige Christ sei. Man wird sich später erstaunt zeigen über Ribbentrops öffentlich behaupteten Antisemitismus, von dem in diesen Tagen noch nichts zu spüren ist, nicht der kleinste Hinweis. Ribbentrop will die Monarchie zurück, er hasst die Kommunisten aber Juden? Mit den Nazis hat er bislang noch nichts zu tun. Er ist Offizier und Tausendsassa und Geschäftsmann von Welt, und der braununiformierte Pöbel, der anfängt, sich breit zu machen, passt wirklich überhaupt nicht zu ihm. Mit dem macht man sich nicht gemein. Diese Nazis schimpfen ja nicht nur über Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden, auch die Großbürger und Aristokraten gefallen ihnen nicht, diese feinen Herren, die sich die Hände nicht schmutzig machen, und wenn sie mit noch so vielen Schmissen und Weltkriegstapferkeiten handfeste Männlichkeit hervorkehren wollen.
Genau so ein feiner Herr aber ist Ribbentrop. Es fehlt ihm nur das VON vor seinem Namen, denn seit er die Bekanntschaft mit von Papen erneuert hat, verkehrt er auch in Adelskreisen. Aber das VON lässt sich machen. Da gibt es doch diesen früher geadelten Zweig der Familie und eine Tante für eine lebenslängliche Rente lässt er, der Mutterlose, sich von ihr adoptieren. 1925 also adelt er sich höchstselbst, was ihm später den Spott seiner Mitkämpfer, insbesondere den Görings, eintragen wird. Zumal dieser Adel kein echter ist, »Scheinadel« nennt man das, das VON gilt nur als reiner Namenszusatz.
Wie mag das 1925 in seinen Kreisen angekommen sein? Wenn Haustürschilder, Visitenkarten und Firmenbriefköpfe geändert werden, so zieht das Kreise in seinen Kreisen. Für manche Neider erscheint der Schritt nachvollziehbar, viele andere aber werden auch das Lächerliche darin gesehen haben. Da kauft sich einer einen neuen Namen und entlarvt sich damit als Emporkömmling, als Möchtegern. Jedem echten Blaublütigen mit Jahrhunderte währendem familiären Rückblick muss sich doch ganz von selbst die Nase rümpfen, und die Henckell-Königin kann ja gar nicht anders als sich bestätigt sehen: unsereiner hats nicht nötig, aber der Herr Schwiegersohn klebt sich das VON vor den Namen wie man sich einen falschen Schnurrbart ins Gesicht klebt und glaubt am Ende noch, man sei ihm jetzt zu Dank verpflichtet, weil er die Tochter, die Prinzessin, zur Scheingräfin gemacht hat.
Ribbentrop ist ein gemachter Mann. Nein, mit den Nazis hat er noch nichts zu schaffen.





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