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Otto, Hans-Werner:
Rappoport oder:
Hier unten leuchten wir.
Eine Geschichte.
40 S.; 2007; EUR 5,50;
ISBN: 978-3-935421-26-3


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Leseprobe

»Dann auf einmal die ungewohnten Schrittgeräusche von oben, sie blicken von ihrem Bett an die Decke. Eugen hält einen Moment die Luft an, atmet dann geräuschvoll aus. Seine Unterlippe beginnt zu zittern.«

Eugen Rappoports Praxis im Parterre der Bleicherstraße 10, 1919 eröffnet, lief gut.
Die Rappoports waren beliebt, geachtet. Das Haus direkt hinter der katholischen St. Antonius-Kirche stand vielen Freunden offen. Dann kamen die Nazis, nahmen ihnen das Haus, die Praxis, die Freunde und schließlich das Leben.
Hans Werner Otto verfolgt das Leben und die Ermordung der Rappoports, Eugen Rappoport und seine Frau, die Opernsängerin Elsa Merenyi. Und erzählt vom Glück, das deren Kinder und Enkel in Ungarn überleben ließ. Durch falsche Pässe.
Und durch ein Glas Marmelade...





Leseprobe:


Die Stadt Barmen im Deutschen Reich, wo Mariusz 1914 im Realgymnasium Sedanstraße sein Notabitur abgelegt hatte, ging fünfzehn Jahre später in »Wuppertal« auf, einem Namensvorschlag des SPD-Stadtverordneten und Journalisten Oskar Hoffmann folgend. Vier Jahre später – die Nazis hatten inzwischen auch in diesem jungen Wuppertal ihren Fackelzug hinter sich und das Gymnasium Sedanstraße würde bald Horst-Wessel-Schule heißen – wurde derselbe Oskar Hoffmann im KZ Kemna eingebuchtet, der Hölle im Südosten der Stadt, überlebte trotz Folterungen und ließ sich vielleicht danach von Mariusz' Stiefvater Eugen Rappoport behandeln, dessen Angebot für all die Glücklichen galt, die freigekommen waren aus dieser Hölle und nicht als Moorsoldaten ins Emsland verlegt wurden. Er solle seine Kameraden nur zu ihm schicken, hatte der Arzt einem der Misshandelten gesagt. Und der machte das auch.
Eugen Rappoport und seine Frau Elsa hatten bis dahin ein sehr angenehmes Leben geführt. Die Praxis im Parterre der Bleicherstraße 10, 1919 eröffnet, lief so gut, dass eine komplette Röntgenausstattung mit Laboratorium angeschafft werden konnte, es gab Diathermie, Lichtbehandlungen, Kabinen für Höhensonne und Inhalationen. Darüber waren die Privaträume der Rappoports. Das zweistöckige Haus direkt hinter der katholischen St.Antonius-Kirche stand vielen Freunden offen, die sich häufig im Speisesaal um den großen Tisch mit dem teuren Porzellan darauf versammelten und deren männlicher Teil nach dem guten Essen im Herrenzimmer nebenan die Zigarren beschnitt und dicken blauen Dunst verbreitete. Elsas Enkelkinder, die Kinder ihrer Tochter Clairette aus Hannover, waren in den Schulferien häufig da. Bei solchen Gesellschaften von oft mehr als zwanzig Personen wurden sie stolz päsentiert, schöne Kinder: Ein Foto zeigt zwei von ihnen, Lea und Stefan, auf der Gartenterrasse, sie sind weiß gekleidet und haben Stöcke als Degen aufeinander angelegt, der Junge in perfekter Fechtstellung, offenbar hatte er Unterricht darin. Wenn die Kinder herumgezeigt worden waren und jetzt eigentlich nach oben sollten, in ihr eigenes Zimmer im zweiten Stock, neben den Dienstmädchenzimmern, versteckten sie sich gern noch hinter dem Vorhang zwischen Speise- und Herrenzimmer, um die Erwachsenen zu belauschen. Waren keine Gäste im Haus, durften sie spielen und lärmen, vielleicht im Garten sogar auf den Kirschbaum klettern. Oma und Opa waren offenbar sehr glücklich, immer gut gelaunt und genossen Kultur und gutes Essen, wovon letzteres dazu führte, dass Anzüge und Kleider – sie legten Wert auf elegantes Äußeres – auf ein immer größeres Maß geschnitten werden mussten.
Die zwei Hausangestellten, eine davon Köchin, sorgten für alles, und Elsa rührte auch dann noch keinen Staubwedel oder Suppenlöffel, als sie aufhörte, im Opernhaus zu singen. Sie sang zu Hause weiter. Einmal in der Woche kam ein Pianist und begleitete ihre Übungen. Und, je nach Spielplan, ging man auch einmal in der Woche ins Opernhaus, wo zwei Plätze immer für sie frei waren, eine Loge für die Sängerin und den Theaterarzt, die häufig die Enkelkinder mitbrachten. Eine sehr angenehme Art von Bezahlung für eine angenehme Arbeit, die Eugen Rappoport mit vielen interessanten Menschen zusammenbrachte. »Alles Unschöne, alles Frivole, alles Hässliche bleibe diesem Hause fern.«
Bis man ihm 1933 – vermutlich vorsichtig, behutsam – beibrachte, dass man ihn nicht weiter als Theaterarzt führen könne. Wenn man könnte wie man wollte dann aber es wäre ja nun einmal und man solle es bitte nicht nachtragen. Auch keine Freikarten mehr. Es war empörend.
Nun gut, dann bezahlte man jetzt eben für die Oper. Man musste ja nicht gleich sein Leben umstellen und darauf verzichten. Wagner wurde doch immer noch gegeben. Sogar mehr denn je. Natürlich werden die Nazis auf ihn aufmerksam geworden sein. Ein Jude, dessen Praxis immer voll war, bei dem die Kemna-Häftlinge, die Gegner aus den Straßenkämpfen von vor Dreiunddreißig, ein- und ausgingen, dazu noch jemand, der in ganz Barmen bekannt und beliebt war – da musste irgendwann etwas geschehen.
Vorerst aber wohl noch nicht. Ich weiß nicht, wie die Pogromnacht in der Bleicherstraße verlief. Möglich, dass nur der Feuerschein der Synagoge in der Scheurenstraße bis hierhin zu sehen war, möglich, dass Eugen Rappoport auf der Straße vor seinem Haus stand, eine Zigarre zerkauend, nicht wissend, was zu tun möglich war, abwechselnd die Fußspitzen und Hacken erhebend, Elsa in der Haustür, die ihn beschwor, doch endlich wieder hereinzukommen, bis es ihr zu kalt wurde, sie Mantel und Hut holte und sich dann zu ihm stellte. Möglich aber auch, dass der SA-Mob hierher kam, in die Bleicherstraße, ordnungsgemäß ein bis zwei Fenster mit Ziegelsteinen einschmiss, die von Rappoports Praxis, und dann singend weiterzog. Vielleicht auch nicht singend, sondern stumm und schweigsam, weil sich etliche schämten. Oder gerade deshalb laut singend.
Ab jetzt war Dr.Rappoport kein Arzt mehr, sondern nur noch Krankenbehandler, der Doktortitel wurde ihm als Juden aberkannt, und von nun an durfte er weder meiner Mutter noch irgendwelchen arischen Kemnaopfern, Sozialdemokraten oder Kommunisten, in seiner Praxis in den Hals sehen.
Das konnte peinlich werden, wenn man im Viertel wohnte. Zu wem sollte man jetzt gehen? Und verriet man da nicht jemanden, dem man seit Jahrzehnten Hals, Nase und Ohren anvertraut hatte? Was war das auf einmal für ein Mensch, dem man die Zunge herausgestreckt und ein großes, weites A wie Arier gesagt hatte? Ein Volksschädling?





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