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Dorothea Müller
17 Leben

Lektorat: Christian Oelemann
Umschlagentwurf und Gestaltung des Bildanhangs:
Malte Roß
Paperback
116 S., Euro 12,00
ISBN: 978-3-943940-58-9



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Lebensgeschichten

Im Oktober 2017 begann ein Projekt in der Seniorenresidenz Revita in Wuppertal: Dorothea Müller sprach mit Bewohnern der Residenz über deren Leben.
Dieses Buch enthält siebzehn Geschichten, siebzehn Leben, die Dorothea nach ausführlichen Gesprächen mit Seniorinnnen und Senioren geschrieben hat. Berührende und und bewegende Lebensläufe, die zeigen, dass alte Menschen uns viel zu erzählen haben.
Und die zugleich Zeitgeschichte darstellen und Einblick geben in das persönliche Überleben in einem Jahrhundert voller Kriege, Umbrüche, Katastrophen und Neuanfänge ...




Ausführliche Leseprobe (pdf-Datei)






Leseprobe


Geleitwort

Erinnerungen sind immer erlebtes, einmaliges Leben. Die erfahrene Autorin Dorothea Müller hat aufgezeichnet, was ältere Bewohnerinnen und Bewohner im Altenheim ihr erzählt haben, und den Texten eine literarische Ordnung gegeben. So erwarten den Leser Geschichten von Licht und Schatten, bewegend und sogar anrührend in ihrer Subjektivität. Da kann keine Rede sein von Schluss-Strichen, eher Öffnung zu erneuten Episoden. Denn Erinnern setzt seine eigenen Grenzen.

Kostbar sind diese Texte in besonderer Weise: was haben so viele von uns nicht gehört, nie erzählt bekommen aus dunklen vergangenen und durchlebten Zeiten. Die Sprachlosigkeit der Generationen über ihre Leben, ihre Jugenden, ihre Erwachsenwerden? Mehr darüber zu erfahren lohnt diese Lektüre und die in ihr steckenden Botschaften. Vergangene Szenarien und ihre Auswirkungen auf unser Jetzt werden greifbarer, verständlicher in ihrer Prozessualität, verständlicher im Sinne lebendiger Vergangenheiten. Zu ihnen hat die Verfasserin ein Fenster geöffnet, eine Einladung zu weiteren Gesprächen, solange und soweit uns allen das möglich ist.

Lucas Greiner


Ist ja alles so lange her

Gespräch mit Gerda K.


Ein heißer Sommertag. Gerda K. leidet unter der schwülen Hitze und dem ohrenbetäubenden Krach des Rasenmähers, der unermüdlich hinter der Hecke seine Bahnen zieht. Über den Besuch der Tochter freut sie sich allerdings, und meine Anwesenheit akzeptiert sie ohne diesbezügliche Fragen.

Gerda K. wurde 1923 in Waldmoor, einem kleinen Ort in der Pfalz, geboren. Dort wuchs sie mit der zwei Jahre älteren Schwester und dem sieben Jahre jüngeren Bruder auf.
Im Garten des Elternhauses wuchsen Tomaten, Stangenbohnen, Gemüse und Obst. Apfel- und Kirschbäume luden zum Naschen ein. Die Früchte wurden eingemacht und als Nachtisch zu den Mahlzeiten serviert.
Von ihrer Kindheit erzählt Gerda K. wenig. Gerne saß sie auf dem kleinen Berg vor dem Haus. Manchmal brachte ihr die Mutter frischgebackenen Pfannkuchen, den sie dort auf ihrem Freiluftplatz in der Sonne sitzend verspeiste.
Der Mutter geholfen hat sie nicht so gerne. Da ist sie lieber abgehauen, wie sie erzählt. Ob dieses Manöver zu ihrem Armbruch führte, ist nicht verbrieft.
»Alles so lange her« wiederholt sie gern. Ich kann nicht erkennen, ob sie sich nicht erinnert oder viel mehr die Episode für so bedeutungslos hält, dass es sich nicht lohne, sie zu erwähnen.
Der lädierte Arm musste im sieben Kilometer entfernten Krankenhaus in Homburg gerichtet und eingegipst werden.
Aus dem kleinen Mädchen, das gerne mit dem Seil hüpfte oder mit seiner Puppe spielte, wurde eine attraktive junge Frau, wie Fotos belegen.
Gerda K. fand Arbeit bei einer Gaststätte in Lünen/Westfalen, wo die Bergleute der »Zeche Viktoria« abends gerne ihr Bierchen tranken. Der schmucke Walter, immer adrett gekleidet und mit kühner Welle im dichten Haar, fand Gefallen an Gerda. Oder war es umgekehrt? »Alles so lange her«, meint Gerda K., aber ihr verstecktes Lächeln zeigt, dass sie es sehr wohl weiß, aber nicht preisgeben möchte.
Das Hochzeitskleid war aus Fallschirmseide, die Feier fiel wohl eher schlicht aus. Das junge Ehepaar zog in ein kleines Häuschen der Bergarbeiter-Siedlung, die kreisrund um die Zeche gebaut war.
Fritz, Walters Bruder, wohnte ganz in der Nähe und züchtete Tauben. »Rennpferde der Bergleute« wurden diese genannt, und wenn man Glück hatte, konnte man mit ihnen viel Geld verdienen.
Die Arbeit der Bergarbeiter war schwer und auch gefährlich. Einmal durfte Gerda K. mit im Förderkorb unter Tage fahren. Da hatte sie Angst und war froh, als sie dem Flöz wieder entkam. Noch lange heftete an ihr der Kohlenstaub, selbst in den Wimpern hatte er sich abgesetzt.
Stolz erzählt Gerda K. davon, wie sie einmal mit dem Fahrrad von Westfalen aus bis in die Pfalz zu ihren Eltern gefahren ist.
Später, als schon zwei Töchter zur Familie gehörten, fuhren die K.s mit dem VW in den Pfalz-Urlaub. Gerdas Tochter erinnert sich an viele Ferientage, die sie bei den Großeltern verlebte.
In der Bergmanns-Siedlung herrschte gute Nachbarschaft. Man stand sich zur Seite und feierte zusammen bei Bier, Bockwurst und Kartoffelsalat. Ein altes Foto zeigt ein Grüppchen, das sich um einen Akkordeonspieler versammelt.
Gerda K. kann viele Personen auf den Fotos erkennen und mit ihren Namen benennen. Lang ruht ihr Blick auf einem Portrait, das sie in jungen Jahren zeigt. »Alles so lang her« bemerkt sie ein weiteres Mal.
Nur kurz berichtet sie von ihren sportlichen Aktivitäten. Regelmäßig ging sie mit ihrem Mann zur nahegelegenen Turnhalle, um Handball zu spielen.
Noch heute zeigt sie Treffsicherheit beim Ringe- oder Säckchen-Werfen und geht dabei oft als Siegerin hervor. Davon spricht sie aber nicht selbst. Sie schweigt dazu, doch der Stolz ist ihr anzusehen.
Die jahrelange Arbeit im Bergwerk hat Walter, den Ehemann, gezeichnet. Er ist an Staublunge erkrankt, die letztendlich zu einem Tod führt. Aber noch ist ihm eine Zeit im Ruhestand vergönnt. Trotz der Kochkünste seiner Ehefrau, die er jeden Mittag genießt, trifft er sich Tag für Tag mit seinen Kumpels bei Tchibo zum Kaffetrinken. Nachdem sie gemeinsam die Welt geordnet haben, streben sie zum häuslichen Mittagstisch.
Die Goldene Hochzeit dürfen Gerda und Walter noch gemeinsam feiern.
Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte sie ihm fünf Jahre nach seinem Tod folgen sollen. Aber noch lässt sie ihn warten – »ist ja alles so lang her«.


Die Erinnerungen lassen einen niemals los

Gespräch mit Hein P.


Es hat lange gebraucht, bis unser Gespräch zustande gekommen ist. Doch heute ist es endlich so weit. Wir haben keine Zuhörer. Die Leiterin des Sozialen Dienstes ist erkrankt, und Hein P. möchte alleine mit mir reden.

Obwohl wir kaum etwas von einander wissen, ist schon von Beginn an ein Gefühl des Vertrauens und gegenseitiger Offenheit spürbar. Meine Sinne nehmen einen sanften, in sich ruhenden Mann wahr, der mit leiser Stimme spricht und seine innere Anspannung nicht erkennen lässt. Seine Hände liegen ruhig auf dem Tisch. Seine Augen sind die eines Menschen, der viel gesehen hat.
Hein wird mir von sich und seinem Leben erzählen, und ich weiß, schon bevor er begonnen hat, dass er zwar offen mit mir sprechen wird, viele Schichten jedoch unberührt und verborgen bleiben müssen.
Ich weiß das seit unserer ersten, zufälligen Begegnung. Da habe ich miterlebt, wie er auf seiner Gitarre spielt. Das war, als hätte er mir ganz ohne Worte eine Geschichte erzählt.
Hein P. gehört der Volksgruppe der Sinti an.
Er wird als sechstes von dreizehn Kindern in Stargard/Westpommern geboren. Der Wohnwagen, mit dem die Familie durch das Land zieht, ist sechs Meter lang und drei Meter breit. Er bietet genug Platz für alle.
Doch Hein plagen schon recht früh Zweifel, ob und wo er am richtigen Platz sei.
Teils als Strafe, teils auf eigenen Wunsch, schläft er oft auf einem Strohsack unter dem Wohnwagen.
Bereits im Alter von neun Jahren ist ihm klar, dass er niemals eine Sinti-Frau heiraten wird. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon weiß, dass er damit gegen die Regeln der Gruppe verstoßen wird.
Der Vater ist eine Art Oberhaupt. Ihm obliegen die internen Formen der Konfliktregelung in der Sinti-Gruppe, die soziale Abgrenzung gegenüber den nicht Zugehörigen und die Einhaltung der traditionellen Regeln. Das alles ist ihm oberstes Gebot.
So kann er der Rebellion seines Sohnes, der nach Schulbil­dung verlangt, nur mit Ohrfeigen begegnen. Ein Sinto braucht keine Schulbildung! Das ist seine Maxime. »Es reicht, wenn ein Sinto das Geld zählen kann, das er als Hausierer verdient! So war es immer, und so wird es bleiben.«
Aber auch Prügel können Heins sehnliche Wünsche nicht vertreiben.
Die Mutter versucht, sich auf seine Seite zu stellen und wird ihrerseits geschlagen. Das kann Hein weder akzeptieren noch verzeihen.
Bis heute nicht.
Er fühlt sich fremd in seinem Clan, in seiner Familie, im Kreis seiner Geschwister. Nur seinem Großvater und einem Onkel fühlt er sich verbunden. Der Kako (Onkel) spielt Gitarre, der Opa Geige. Hein bewundert die beiden, die eine so wunderbare Musik machen. Eine Musik, die ihm Gänsehaut verursacht und die ihn fasziniert. Mit allen Fasern seines Körpers verlangt er danach, selbst Gitarre spielen zu können.
Im Alter von sechzehn Jahren verlässt er seine Familie und sucht Arbeit.
Er hat keine Papiere, vor allem keine Ahnung, auf welchem Weg man sie beantragen kann. Von anderen Sinti erfährt er, dass man dazu nach Berlin schreiben muss. Das übernimmt ein Freund für ihn.
Dass er Analphabet ist, weiß er zwar, kann aber mit dem Begriff nichts anfangen.
Nicht lesen und schreiben zu können. Er empfindet es zunehmend als große Bürde, nicht einmal seinen Namen schreiben zu können. Zwar hat er mit Hilfe vieler Tricks gelernt, dieses Defizit zu verbergen, aber immer gelingt das nicht.
Als Arbeitsloser bekommt er zunächst 20 Mark Stempelgeld in der Woche. Später findet er zeitweise Arbeit im Hafen und auf der Werft in Papenburg.
Beim Arbeitsamt erfährt er, dass in Nordrhein-Westfalen, genauer gesagt in Wuppertal, Arbeitskräfte gesucht werden. Das Amt bezahlt ihm eine Fahrkarte.
In der Schwarzbach, in Oberbarmen, wartet ein möbliertes Zimmer auf ihn.
Hein, der zuvor mit Pferd und Wagen umhergezogen ist, im Emsland zwischen Papenburg, Aschendorf, Meppen und Linn, sitzt nun im Zug und fährt Richtung Bergisches Land. Nur eine Tüte mit Wäsche, Zahnbürste und Rasierzeug führt er mit sich. In der Hosentasche eine Packung Eckstein und zwei Mark.
So reist er dem neuen Ziel entgegen.
Im Zug trifft er auf einen Mann aus Leer, der ebenfalls nach Wuppertal unterwegs ist. Der erzählt ihm von einer Farbenfabrik im Tal. Statt Farben aber hat Hein irrtümlich Farm verstanden; so erwartet er also Kühe, Pferde und Schweine statt Lack und Verdünnung.
Hein ist jedoch nicht wählerisch, sondern froh, Arbeit zu finden.
Er verschweigt bei seiner Einstellung, dass er Sinto ist, aus Angst, von seinen Kollegen oder Vorgesetzten diskriminiert zu werden.
Auch als er seine spätere Frau in einem Tanzlokal kennenlernt, outet er sich nicht.
Es ist nicht ganz sicher, ob er sich zuerst in die Gitarre verliebt hat oder in ihre Besitzerin. Aber ihm ist von Anfang an klar, dass er diese Frau heiraten will.
Bald schon wird er ihren Eltern vorgestellt. Seine Zimmerwirtin leiht im zehn Mark; so kann er mit Blumen für die Mutter einen guten Eindruck machen, mit einer Packung Stumpen für den Vater und jeweils 50 Pfennigen für die vier Geschwister.
Sie heiraten aber erst nach zwei Jahren. Zunächst wohnen sie bei den Eltern. Dank der Vermittlung einer Vorgesetzten finden sie eine eigene Wohnung in der Farbmühle. Sie ist es auch, die spürt, dass Hein P. eine große Last mit sich trägt. Daraufhin spricht sie ihn an, und Hein gesteht ihr, dass er Analphabet sei. Sie ermöglicht ihm, dass er Lesen und Schrei­ben erlernt, im Einzelunterricht. Mit 33 Jahren eröffnet sich ihm eine neue Welt. Die Welt der Bücher, die von nun an seine ständigen Begleiter werden.
Durch seine Heirat ist er aus seinem Clan ausgeschlossen worden. Seine Frau erfährt erst viele Jahre später, dass er Sinto sei. Im Gegensatz zu ihren Eltern nimmt sie das jedoch gelassen hin.
1979 erleidet Hein P. einen schweren Unfall. Bis heute weiß niemand, was genau damals geschehen ist. Es passiert im Urlaub, bei einem abendlichen Spaziergang, den er alleine unternimmt; mit einem Schädelbruch liegt er einige Wochen im Koma.
Eine Abordnung schwarz gekleideter Sinti besucht ihn im Krankenhaus.
Heins anhaltende Amnesie lässt ihn nicht einmal eine Gitarre erkennen. Erst Monate später flackert kurz eine Erinnerung auf: er sieht eine Gitarre und spielt spontan ein Stück von Cliff Richard, um dann erneut dem Vergessen anheimzufallen.
Heute ist dieses dunkle Kapitel, wie so vieles,Vergangenheit. Doch die Erinnerung holt ihn immer wieder ein und lässt ihn dann nicht mehr los.
So weiß er heute, dass man, auch wenn man alles hinter sich lässt, seine Wurzeln nicht völlig kappen kann. Da ist die Tochter, die nicht der Mutter ähnelt (wie ihr Bruder), sondern aussieht wie eine große und stolze Sinti-Frau.
Heins Enkeltochter ist mit ihm nach Leer gefahren, wo ihr Opa bei einem Treffen von 500 Sinti die Musik gespielt hat, die in seiner Bevölkerungsgruppe Tradition hat. Vielen Verwandten ist sie dort begegnet, Cousins und Cousinen – das alles hinterlässt Spuren und fordert Auseinandersetzung, auch bei der nachkommenden Generation. 
Unsere Worte sind leiser geworden.
Man muss behutsam sein mit dem ungesagt Gebliebenen.
Hein fährt nach Hause. Ein Gitarrenschüler wartet auf ihn. Der möchte von ihm ein paar neue Griffe auf seinem Instrument lernen.

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Info:
Dorothea Müller,
lebt und arbeitet in Wuppertal, war viele Jahre in der ehrenamtliche Betreuung Strafgefangener tätig. Sie ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller.
Arbeitsgebiete: Lyrik, Prosa, Theaterszenen, Texte für und mit Kindern. (Kinderschreibwerkstatt, Buchprojekt:" Ich und du", interkulturelles Kinderbuch 2003) Buchveröffentlichungen: TOM - Eine Knastgeschichte; Netz über dem Abgrund; Als der Supermarkt noch Tante Emma hieß.
Weitere Veröffentlichungen in Zeitungen, Literaturzeitschriften, Anthologien und im Rundfunk.






























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