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Mueller-Dorothea-Was-hinter-dem-Spiegel-ist

Dorothea Müller
Was hinter dem Spiegel ist

Lektorat: Christian Oelemann
Umschlagentwurf:
Malte Roß
Paperback
148 S., Euro 12,00
ISBN: 978-3-943940-59-6



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Ausführliche Leseprobe (pdf-Datei)




Lebensnahe Erzählungen

Dorothea Müllers Geschichten sind von rauer Realität. Ihre Sprache kann herb sein und spielerisch leicht. Alles hat seinen Beginn und seinen Grund. Doch nichts bleibt wie es scheint.
Das Verborgene schwingt unausgesprochen mit.
Die Idylle bricht, das Vorurteil wird ausgehöhlt.
Und wenn der Blick hinter den Spiegel fällt, erkennt man, wie nah Lachen und Weinen bei einander liegen.







Leseprobe


Wie die Geschichten entstehen

»Der Baum kann sich den Vogel nicht aussuchen, der auf ihm landet«, sagt ein chinesisches Sprichwort.
Erfindet ein Schreiber Geschichten – oder suchen sie ihn, damit er ihnen Gestalt gibt und sie festhält?
Manche Geschichten erscheinen schemenhaft. Schatten, wie Scherenschnitte im Sonnenlicht, die auf schwankenden Vorhängen tanzen.
Andere liegen auf dem Weg wie ein Stein, der sich nicht umgehen lässt.
Immer sind sie schon da, wollen geformt und bearbeitet werden.
Sie dulden vieles, aber verzeihen nie, wenn man ihrer Wahrheit nicht achtsam begegnet.


Am Anfang war das Wort

Die leise Stimme der Tante. Ich liege im Bett. Im Halbdunkel sehe ich ihre Gestalt, wenn ich die Augen öffne.
Aber noch schöner ist es, die Augen geschlossen zu halten, während sie spricht.
Die Geschichte, die sie erzählt, zaubert Bilder in meinen Kopf.
Hell scheint der Mond durch die nachtdunklen Äste der Bäume. Rehe huschen vorbei, und ein Eulenruf warnt die Kinder, die sich im Wald verirrt haben.
Ich bin ohne Angst. Wörter und Sätze hüllen mich ein. Ich weiß, dass alles gut ausgehen wird, wie immer in den Geschichten der Tante. Sie sind alt, die Geschichten. Die Tante hat sie von ihrer Mutter gehört, die von ihrer Mutter und die von ihrer Mutter. Sie stehen in keinem Buch und sind in einer besonderen Sprache, die auf den Straßen und Höfen gesprochen wird.
Ich mag diese Sprache sehr, auch wenn ich zu Hause anders sprechen soll. Die Tante spricht mit mir meistens Hochdeutsch. Aber die Märchen erzählt sie auf Platt.
Die Tante kennt viele Geschichten. Ich will sie immer wieder hören. Wort für Wort, immer wieder.
Die Tante hat Bücher. Aber nicht für Kinder. Dicke Bilderbücher, die ich mir gerne ansehe. Die Tante sagt, das ist Kunst. Von berühmten Malern und Bildhauern. So wie Sulamith, Onkel Rudolf und Wohle, nur größer. Wie Riesen, frage ich. Die Tante lacht.
Die Tante lacht oft und macht Spökes. Damit ich keine Angst habe, wenn die Sirenen heulen und die Tiefflieger kommen. Sie hofft, dass ich den Abend vergessen habe, als Glas- und Granatsplitter auf meine Bettdecke geregnet sind.
Ich habe nichts vergessen, nur die Geschichten lassen alles vergessen.
Es ist Krieg. Es gibt wenig zu kaufen. Man tauscht. Einen Regenmantel für eine Bratpfanne.
Papier ist knapp. Verpackungsmaterial ist mitzubringen.
Buchseiten werden herausgerissen, um Wurst und Suppengrün darin einzupacken. Unangeordnete Büchervernichtung – aber unumgänglich für viele.
Wir besuchen Tante Martha. Tante Martha hat Kinder. Die haben Bücher mit Bildern und merkwürdigen Zeichen, die Buchstaben heißen. Daraus werden Wörter, Sätze und Geschichten gemacht.
Jetzt liest die Tante mir vor. Vom Hühnchen Sabinchen und dem Struwwelpeter. Mir gefällt das Vorlesen. Die Geschichten mag ich nicht. Der Struwwelpeter macht mir Angst. Vor allem die Geschichte vom Daumenlutscher. Denn ohne meinen Daumen kann ich nicht einschlafen oder Geschichten hören.
Das Hühnchen Sabinchen finde ich blöd und feige. Erst ist es eingebildet und faul, dann wird es fleißig, aber nur, weil es Angst vor dem Kochtopf hat.
Aber ich sage das nicht, ich denke das nur. Sagen würde bedeuten, dass mir niemand mehr vorliest. Das zu riskieren, wage ich nicht.
Die Tante sieht, wie sehr mich die Bücher beeindrucken.
Die Kinder werden sie nicht hergeben.
Es gibt keine Bücher zu kaufen.
Die Tante hat nichts, was sie eintauschen könnte.
Sie kann malen.
Sie kann schreiben.
Sie kann basteln.
Sie macht ein Bilderbuch für mich. Für mich ganz allein. Es ist der kostbarste Schatz meiner Kindheit. Ich habe es noch heute, denn es hat mich mein ganzes Leben lang begleitet.


Kindheitsbilder

Alte Fotos. Glatzköpfig, blond gelockt, Zöpfe, Dutt und schon nicht mehr so blond. Die Haare um den Kamm geschlungen und zur Tolle festgesteckt.
Unter dem Weihnachtsbaum. Auf Tantes Arm. Im Sandkasten, auf dem Hof. Blümchen pflückend auf Sommerwiesen.
Pummelig, Staksbeine, Patschhände mit Grübchen.
Kleidchen, Spielhose, wintervermummt.
Die Augen lachend, ängstlich,erschrocken, verschmitzt, rätselhaft und uralt.
Kussmündchen, schmale Lippen, trotziges Kinn, Zahnlücken.
ICH.
Ich bin das, sage ich. Zeige auf das Haus, den Nussbaum, die Regentonne. Damals, als …
Das warst du, sagst du. Und ich weiß, dass schon hier unser Missverstehen beginnt. Bei der Grammatik. Ich bin das. War kann es doch erst heißen, wenn …
Sieh mal, an den Augen kannst du es immer erkennen, dass ich es bin. Schon damals, als das Ich noch keinen Namen hatte und später, als das geheimnisvolle Es in meinem Leben auftauchte. Es, das arme Kind. Es, das zur Tante kommt. Es, das nicht essen will. Es, das eine Tracht Prügel verdient hätte. Es, dem viele Wörter verboten sind. Es, das eines Tages begreift, dass Es Ich ist.
Ich weiß. Ich bin. Ich fühle. Ich frage.
Es gibt Namen die ich nicht aussprechen darf. Namen voller Geheimnis.
Weiche Vokale, Silben, Wärme und Erinnerung.
Erinnerung, die zerfließt, ungreifbar.
Kinderspiele.
Die schwarze Köchin war da. Der Plumpsack geht herum, und Dornröschen, das schöne Kind, schläft hundert Jahr.
Unter dem Nussbaum bin ich Vater, Mutter und Kind.
Koche Birkenblätter mit Taubnesselblüten.
Mein Haus habe ich mit Kieseln abgesteckt. Manchmal tupft die Sonne kleine leuchtende Blitze auf die marmorierten Steine. Sie sind warm, wenn ich sie später unter den Wurzeln aufschichte.
Ich will sie ausstreuen in der Vollmondnacht.
Hänsel und Gretel haben sich im Wald verirrt. Ich kenne jeden Weg dort und finde immer nach Hause.
Vater, Mutter und Kind bleiben unter dem Nussbaum.
Ich gehe ins Haus.
Es ist im Haus, das Kind und will nicht essen.
Der Teppichklopfer liegt auf dem Tisch. Neben dem Teller.
Es muss ins Bett.
Es hat schon gelernt lautlos zu weinen.
Ich ziehe meine Knie bis ans Kinn. Rolle mich ganz klein zusammen. Tränen laufen über die nackten Beine. Es riecht nach getrocknetem Blut.
Unter der Bettdecke, wo mich niemand sieht und hört, schluchze ich den Namen, den ich nie aussprechen darf: MAMI.
Aber Mami kann mich nicht hören. Sie ist weg, lange schon, und niemand antwortet mir.
Braun krabbelt es im lichten Grün der Buchenhecke.
Maikäfer flieg, singt die Tante, der Vater ist im Krieg.
Mein Papa ist auch im Krieg. Irgendwo in Russland.
Er hat mir selbstgemachte Bilderbücher geschickt. Sie liegen eingeschlossen im Schrank. Ich darf sie ansehen, wenn ich krank bin.
Ich bin oft krank.
Nach jeder Krankheit bin ich ein Stück gewachsen. Ärmel und Rocksäume werden verlängert, die Bilderbücher im Schrank verschlossen. Sie erzählen vom Papi, von der Mami und dem Kind, das ich bin.
Später dann, als er zurück kommt – ein fremder Mann, in dem ich den Bilderbuchpapi nicht wiederfinden kann, bringt er eine Frau mit, die Mutti heißt.
Aber da weiß ich schon lange, dass die Mami nie mehr kommen wird.
Er wird mit mir auf den Friedhof gehen. Schweigend werden wir das Unkraut zupfen und auf den Komposthaufen werfen. Ich werde alles von seinem Schweigen wissen und nichts verstehen.
Die Augen verraten es, siehst du? Dieses ALLES-SCHONWISSEN, obwohl die Dinge noch ohne Namen sind.
Um den Mund ahnt man schon die Linie, die sich heute eingegraben hat. Damals hat das angefangen mein Gesicht zu werden.
Alles war schon erfühlt, erlitten. Freude, Trauer, Sehnsucht, Neid, Glück und Schmerz. Auch wenn ich die Worte dafür erst später erlernt habe.
Du lachst. Aber ich sehe, dass du dich ertappt fühlst. Denn meine Worte verraten dir, wie viel ich auch von dir weiß.
Du hast ihn schon oft gemalt, den alten Mann. Mit Spuren und Linien, die in deinem Gesicht noch nicht sichtbar sind. Dessen Haar schon weiß leuchtete, bevor das deine seine Farbe verlor.
Viele Jahre hat es gedauert, bevor du mir deine Bilder zeigtest. Erst da habe ich dich erkannt, und endlich auch dieses Wort gelernt: Vater.








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Info:
Dorothea Müller,
lebt und arbeitet in Wuppertal, war viele Jahre in der ehrenamtliche Betreuung Strafgefangener tätig. Sie ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller.
Arbeitsgebiete: Lyrik, Prosa, Theaterszenen, Texte für und mit Kindern. (Kinderschreibwerkstatt, Buchprojekt:" Ich und du", interkulturelles Kinderbuch 2003) Buchveröffentlichungen: TOM - Eine Knastgeschichte; Netz über dem Abgrund; Als der Supermarkt noch Tante Emma hieß.
Weitere Veröffentlichungen in Zeitungen, Literaturzeitschriften, Anthologien und im Rundfunk.


Im NordPark Verlag erschien von ihr:

17 Leben

Mueller-17 Leben-Covervorderseite
































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