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Mueller-Doro-Cover-Einmal-reicht

Dorothea Müller
Einmal reicht!
Stationen eines Lebens

Umschlagentwurf:
Malte Roß
Paperback
112 S., Euro 12,00
ISBN: 978-3-943940-66-4



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Einmal reicht!

Das ist das Fazit aus Erfahrungen eines Lebens. Mit Ironie, Humor und Lebensmut erzählt Dorothea Müller von alltäglichen Kämpfen und dem Überleben in schwierigen Verhältnissen. Vergangenheit und Gegenwart persönlichen Erlebens spiegeln zugleich die Lebenswirklichkeit einer Generation, die Kriegs- und Nachkriegszeit nachhaltig geprägt wurde.







Leseprobe


Alles hat seine Zeit


Zu meiner Zeit ..., pflegte meine Großmutter zu sagen, um dann den Satz nach Bedarf oder Gelegenheit zu vollenden. Es konnte sich um Rocklängen, Tischmanieren oder Anstand im Allgemeinen oder Besonderen handeln.
Die Großmutterzeit schien eine völlig andere als die meine zu sein. Was sich nicht nur daraus erklärte, dass unser Hintergrund, so eine beliebte Formulierung von ihr, sich grundlegend voneinander unterschied.
Sie war in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen, mit Stammbaum, Familienwappen und Dienstboten, während ich, prekärer Wildwuchs, der Familie durch Heirat zugefallen war. Trotz allem spürte ich, dass Großmutter mich mochte. Denn sie setzte alles daran, aus mir, dem Straßenkind, eine wohlerzogene junge Dame zu machen.
In der Rückschau kann ich sagen, dass es mit der Dame nichts geworden ist. Jedoch kann ich mich in Grenzsituationen durchaus an gewisse Benimmregeln erinnern. Dafür bin ich ihr von Herzen dankbar.
Ihr »zu meiner Zeit« hat darüber hinaus meinem Denkapparat Anstoß gegeben.
Würde ich, so fragte ich mich, auch einmal eine Zeit erreichen, die ich die meine nennen konnte? Würde sie ohne mein Zutun kommen oder müsste ich sie mir erwerben?
Gerne hätte ich danach gefragt, aber ich hatte lernen müssen, dass Kinder schweigen sollten. Es sei denn, sie wurden gefragt.
Mich fragte niemand nach meinen Gedanken. Ich hatte darüber hinaus den Eindruck, dass die Erwachsenen es nicht einmal für möglich hielten, dass in Kinderköpfen Gedanken wohnten. Und wenn, dann keine eigenen.
All das bestärkte mich in der Gewissheit, dass meine Zeit noch auf sich warten lassen würde. Aber ich hoffte inständig, dass sie kommen würde. »S G w«, wie Großmutter in ihren Briefen schrieb: So Gott will!

Wenn ich heutzutage von vergangenen Zeiten erzähle, stelle ich fest, dass ich von »früher« spreche. Mag sein, dass meine Zeit immer noch auf sich warten lässt. Aber ich glaube eher, dass dieser Begriff heute selbst für meine Generation ein wenig antiquiert ist.
Ja, früher war vieles anders, ob es aber besser war, sei einmal dahingestellt.
Auch den großen Meister Johann Wolfgang v. Goethe, so entdeckte ich, hatte das Thema bewegt:

Hat alles seine Zeit
Das Nahe wird weit
Das Warme wird kalt
Der Junge wird alt
Das Kalte wird warm
Der Reiche wird arm
Der Narre gescheit


Alles zu seiner Zeit Es beruhigte mich, dass offenbar nur die Jungs alt wurden. Von Mädchen war nicht die Rede. Alt werden war unvorstellbar für mich. Wie für alle Kinder, egal zu welcher Zeit und an welchem Ort.


Der Blick zurück

Vor einigen Wochen sprach ich mit einer Gruppe von Altenheimbewohnern. Wir kamen auf unsere Kindheit zu sprechen, die durch die Kriegs- oder Nachkriegszeit geprägt war.
Einer der Bewohner schilderte eine nachbarliche Szene im Luftschutzkeller während eines Bombenangriffs.
Noch heute, Jahrzehnte nach Kriegsende, bebte sein ganzer Körper, während er seine Erinnerung preisgab.
Wenn heute die Sirenen zum Probealarm heulen, überfällt uns die Angst wieder, die sich in allen Zellen unseres Körpers eingenistet hat, so sehr wir auch versucht haben, sie zu verdrängen oder zu vergessen.

Nur zögernd, und im kleinen, vertrauten Kreis von Menschen, die unsere Erinnerungen teilen, können wir das Grauen eingestehen, für das wir keine Worte hatten, damals, als wir Kinder oder Heranwachsende waren.
Nach dem Krieg dann das Schweigen der Männer, die zurückkamen. Fremde für die Kinder, die nur das Wort »Vater« kannten.
Erst nach und nach erkennt man die traumatische Belastung, die unsere Generation trägt.
Ohne Vater, in einer fast männerlosen Welt aufzuwachsen, hat uns geprägt.
Vielleicht gab es die Chance, starken Frauen zu begegnen, die Stütze und Vorbild sein konnten. Wie schwer mag es für die Lebensorientierung von Jungen gewesen sein, ihren Platz als zukünftige Ehemänner und Väter zu finden und aufzunehmen?

Zurückdenkend erkenne ich, dass wir nicht nur in unserer Kernfamilie erzogen wurden. Schule und Nachbarn leisteten ihren Beitrag. Wie schnell konnte man sich eine Ohrfeige einfangen, wenn man uns beim Äpfel klauen oder gar beim Rauchen erwischte!
Auch wenn es sich nur um getrocknete Brombeerblätter im Nikolaus-Pfeifchen handelte.
Aber die Nachbarn boten auch Schutz und Hilfe. Sie waren präsent, egal, ob man mal dringend aufs Klo musste oder sie uns ein Waffelherzchen über den Zaum reichten. Sie hatten ein Auge auf uns, wenn wir durch unser Viertel streiften und bis zum Forsthaus im Wald liefen.
In jedem Luftschutzkeller fanden wir Aufnahme, wenn es Bombenalarm gab.
Doch mit der Angst war jeder für sich allein.

Wenn ich mich an unsere Spiele erinnere, dann fällt mir auf, dass sie, nach heutigen Maßstäben nicht politisch korrekt waren. Da wurde beim Kreisspiel nach der »Schwarzen Köchin« gefragt, oder das Humpelbein aus Luxemburg am Rhein besungen. Keiner zog uns die Ohren lang, wenn wir »Deutschland erklärt den Krieg« gegen wechselnde Länder spielten und unsere Territorien auf das Pflaster malten und Grenzen zogen. Diese Spiele, wie auch das Hüpfkästchen mit Himmel und Hölle, hatten den Vorteil, dass keinerlei Utensilien benötigt wurden.

Ein Springseil oder ein Ball war kostbarer Besitz.
Später dann gab es Murmeln, Heuer genannt in verschiedenen Ausfertigungen.
Die »Päppkes«, die bei Gebrauch schnell ihre Farbe verloren, waren nicht viel wert. Die »Gläskes« zählten mehr und konnten sich durch geschicktes Spiel vermehren. Das Kopfsteinpflaster, zwischen dem wir das Sammelloch bohrten, erschwerte den Lauf der bunten Kugeln, was die Sache spannender machte.
Da es nur ganz wenige Autos gab, spielten wir mitten auf der Straße und wichen nur, wenn sich ein Pferdefuhrwerk der Brauereien ankündigte.
Brauereien gab es viele in unserer Stadt. Die heimgekehrten Väter tranken gerne ein Feierabend-Bier, das wir Kinder in der Stehbierhalle holten. Das war ein kleiner Extraraum mit Klingel und Schiebefenster, damit wir die Kneipe nicht betreten mussten. Die war tabu für uns Kinder, für Mädchen sowieso.
So recht konnte ich nicht verstehen, dass zwischen Jungen und Mädchen so große Unterschiede gemacht wurden. Dass Vater immer das größte Stück Fleisch bekam, wenn es überhaupt so etwas gab, war verständlich. Er arbeitete viel, da brauchte er Kraft und Kalorien. Das mit den Kalorien kannte ich durch die Lebensmittelkarten.
Auch dass der Vater von jeglicher Hausarbeit befreit war, leuchtete mir ein.
Nicht aber, dass ein Mädchen in Haus und Küche zu helfen hatte, während die Knaben niemals zu diesen Arbeiten herangezogen wurden.
Reichte es nicht, dass das kleine Zipfelchen sie befähigte, stehend über den Bach zu pinkeln? Das war, meiner Meinung nach, Privileg genug.
Doch leider stieß ich bei diesem Thema auf taube Ohren.
Die Sache mit dem Zipfelchen erwähnte ich natürlich nicht. Denn so ein Wort auszusprechen verbot sich.
Das Thema »Aufklärung« war ohnehin tabu. Jegliche Bemerkung, die sich auch nur im Entferntesten in die Nähe von Erotik oder Sexualität gewagt hätte, musste unterbleiben.
Natürlich wurde die Neugier durch dieses Verhalten angefacht. Aber selbst unser Bücherschrank, den ich heimlich durchforstete, konnte meinen Wissensdurst nicht stillen.
Dass ich mich wenige Jahre später, immer noch umfangreich unwissend, während meiner Ausbildung mit den dunkelsten Seiten dieses Themas konfrontiert sah, konnte ich nicht ahnen.
Diese Tatsache stürzte mich in eine emotionale Krise, die entweder unbemerkt blieb, oder erleichtert übersehen wurde, nachdem ich mich in Ironie oder Sarkasmus zu retten versuchte.








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Info:
Dorothea Müller,
lebte und arbeitete in Wuppertal, war viele Jahre in der ehrenamtlichen Betreuung Strafgefangener tätig. Sie war Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller. Sie starb im Oktober 2020 kurz nach Vollendung dieses neuen Buches.
Arbeitsgebiete: Lyrik, Prosa, Theaterszenen, Texte für und mit Kindern. (Kinderschreibwerkstatt, Buchprojekt: »Ich und du«, interkulturelles Kinderbuch 2003). Buchveröffentlichungen:
TOM – Eine Knastgeschichte; Netz über dem Abgrund; Als der Supermarkt noch Tante Emma hieß; 17 Leben; Was hinter dem Spiegel ist. Weitere Veröffentlichungen in Zeitungen, Literaturzeitschriften, Anthologien und im Rundfunk.


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