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Michael Zeller
Die Selbstkritik von La Habana im Jahr 1968
Eine Geschichte

Heftbroschur mit Schutzumschlag
2012, Fadenheftung,
40 S., Euro 6,50
Die besonderen Hefte
ISBN: 978-3-935421-94-2

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»Meine Tage in La Habana waren angefüllt mit
einem durch Haltung geadelten Nichtstun. Ich gab
mich wachen Sinnes den Eindrücken hin, die mir das
Straßentreiben der revolutionären Metropole
vermittelte. Von je ein Augenmensch, wache ich mit
einer gewissen Eifersucht darüber, daß vom Blick,
dem ruhigen, interesselosen Schweifen des Auges, das
erste Urteil über das sich Andrängende gefällt wird.«


"Felix Krull", seinen letzten Roman, läßt Thomas Mann in Lissabon abbrechen. Jetzt hat die Geschichte eines Hochstaplers endlich ihr verdientes Ende gefunden: Felix Krull landet auf Cuba. Wir schreiben das Jahr 1968. Die Revolution hält die Insel immer noch in Atem. In La Habana kreuzen sich die Wege des angemaßten Marquis de Venosta (alias Felix Krull) und des deutschen Schriftstellers Dr. Anzensgruber. Der zeigt sich als ein glühender Anhänger von Fidel. Zur Zeit hilft er dem Máximo Líder auf den Feldern bei der Zuckerrohrernte - so gut er eben kann.Wenn zwei so unterschiedliche Figuren aufeinander prallen, kann es kein gutes Ende nehmen. Doch der satirische Witz der Erzählung fängt die Gegenpositionen auf und jongliert lustvoll mit ihnen.
Leseprobe


Michael Zeller
Michael Zeller kann auf ein umfangreiches und vielgestaltiges literarisches Werk zurückschauen. Neben Gedichten, Erzählungen und Essays sind das vor allem seine Romane, darunter Titel (mit mehreren Auflagen und übersetzt) wie Follens Erbe (1986), Die Sonne! Früchte. Ein Tod (1987, fünfte Auflage 2006), Café Europa (1994) oder Die Reise nach Samosch (2003). Zuletzt erschien Falschspieler (2009)
Zu seinen Auszeichnunugen zählen der »Kulturpreis Schlesien« des Landes Niedersachsen und der »Von der Heydt-Kulturpreis« der Stadt Wuppertal. 2011 verlieh ihm die »KünstlerGilde Esslingen« den »Andreas Gryphius-Preis«
Für ein Jahr erscheint zur Zeit wöchentlich seine Bild-Text-Collage Seh-Reise unter www.culturmag.de.
Nähere Informationen: www.michael-zeller.de


Leseprobe

I. Betörend verzauberte Tage von Lisboa, die hinter mir liegen so weit und weiter als die Küste Portugals, die ich vor langem in violettem Dämmer sich lösen sah. Abenteuer des Geistes und der Sinne, Ausflüge in den Brunnen der Vergangenheit, ins ehrwürdige Eozän, zu unseren Vorfahren, den ungeschlachten Echsen, und lustvolles Verweilen in sehr gegenwärtigen und leidenschaftlich pulsierenden Frauenarmen: ich hatte mich losreißen müssen von ihnen, da meine fürstlichen Eltern auf Schloß Monrefuge für keinen weiteren Reiseaufschub zu gewinnen waren, sondern in eindringlich mahnenden Worten meine sofortige Abreise nach Cuba forderten, woselbst Don Julio Lobo mich täglich erwarte. Die guten Eltern, sie wähnten mich wieder mit sicherem Instinkt in eine Liebschaft verwickelt und sahen den pädagogischen Heilsplan meiner Welt- und Bildungsreise gefährdet. Seufzend fügte ich mich in ihren strengen Ratschluß und bereitete schweren Herzens meine Abreise vor.

Bei Professor Kuckuck und seinem erlauchten Kreise, dem ich mich, wie ich wohl von mir behaupten darf, nicht nur nicht störend, sondern vielmehr zu seiner Belebung und Bereicherung eingefügt hatte, wurde das Wort »Cuba« gleichsam nur hinter vorgehaltener Hand geäußert. Es hatte sich dort, so ward ich belehrt, das Untere zuoberst gekehrt, oder, schlimmer noch, es gab kein »Oben« mehr, und Leute von meiner Herkunft seien daselbst, wenn nicht gar gefährdet, so doch nicht eben willkommen. Nun muß ich gestehen, daß ich es nie über mich gebracht habe, politischen Systemen allzu viel Gewicht beizumessen. Es waren und sind für mich bloße Organisationsformen menschlichen Zusammenlebens, die nicht als solche, sondern erst in ihrer lebendigen Verwirklichung, das heißt in dem, was der Einzelne aus ihnen zu machen vermag, ihren – ephemeren – Wert erweisen. Ich hatte mit Portugals Staatsoberhaupt über das unglückliche Liebesverhältnis unseres Windspiels zur Pekinesin Minimé so artig und mit solchem Heiterkeitserfolg parliert, daß ich mir zutraute, auch dem auf Cuba residierenden Máximo Líder die Augen zu feuchten, und sei es nicht mit dieser, so mit einer anderen Geschichte. Doch wenn ich auch aus dem unbezwingbaren Bewußtsein meiner selbst heraus keinen ausreichenden Grund sah, das dringend anempfohlene Reiseziel meiner Eltern aufzugeben, die von dem Gang der Zeitläufte in La Habana auf Schloß Monrefuge noch nichts mochten erfahren haben, so schien es mir doch angeraten, mich auf die dort zu erwartenden Gegebenheiten gewissenhaft einzustimmen.

Wo fängt der Mensch an? Bei seinem Glaubensbekenntnis, seinem Parteiprogramm, bei seiner sozialen Relevanz? Es gibt Zeitgenossen, die in den Humaniora ungleich bewanderter sind als ich, so daß ich klüglich abstehe, als Paris schlankerhand einer dieser drei Göttinnen den Apfel zu reichen, wenn mir das mythische Bild auch sehr zusagt. Doch fragte man mich nach meiner persönlichen Einstellung zu der Frage, wo des Menschen Anfang sei, so würde ich bescheidenerweise, wohl gar niedergeschlagenen Auges, aber nichts desto weniger bestimmt zur Antwort geben: bei seiner Kleidung! Die Kleidung – gewiß! Mag sie auch weniger bunt sein als ein Parteiprogramm, weniger wetterfest als ein Glaubensbekenntnis, weniger halbseiden-schillernd als gesellschaftliche Bedeutsamkeit – dennoch will es mir scheinen, daß in ihr sich bei geschultem Auge zuerst der Schleier lüften lasse über dem Inneren eines Menschen, bedingterweise, ohne den Anspruch auf letztgültige Sicherheit – beileibe nicht. Mir ist das Wesen des Menschen immer als ein zerbrechlich Ding erschienen. Doch ließ mich der Sitz einer Krawatte, die Wahl der Accessoires oft Eigentümlicheres in meinem Gegenüber erahnen als sein lauthalses Posieren in Worten, von denen ich nie auf den ersten Blick zu unterscheiden vermochte, ob sie die seinen seien (was bei Krawatte und Manschettenknopf, in meinen Kreisen jedenfalls, nun anerkanntermaßen unbestritten ist).

Wie auch immer der Einzelne dazu stehen mag: Die apokalyptischen Reden Professor Kuckucks und anderer Spitzen der portugiesischen Gesellschaft hinsichtlich Cubas vermochten nicht, mein Reiseziel zu ändern, wenn es nun einmal anvisiert sein mußte nach dem Rat meiner Eltern, bewogen mich aber sehr wohl, in meiner Garderobe ein Revirement vorzunehmen, also, daß ich mich meiner weißen und nachtblauen Seidenanzüge entäußerte, bis auf einen als eiserne Reserve, denn auch Volkstribunen pflegen bisweilen ein Penchant zur Eleganz ja nicht zu verhehlen.

So tat ich denn auf meine bisherige Lebenshülle Verzicht und sah sie mit leiser Wehmut in den Magazinen eines unreinlichen Gebrauchtwarenhändlers verschwinden. Mein fürstliches Ambiente, meine zweite, höhere Haut wurde zu gebrauchter Ware – doch würde man meine idealische Einstellung zum Leben verkennen, wollte man annehmen, dieses Schicksal sei mir mehr als eine stille Träne wert gewesen, zumal ich mir von dem vergleichsweise lächerlichen Erlös eine neue zweite Haut, wenn auch minder prächtige, erwarb: Cordhosen nach der Mode der Zeit, eng geschnitten, geschmeidig, in zarten Pastelltönen, mit ansprechenden Gürtelkreationen, breiten zumal, die gerade von Cardin in Lisboa eingetroffen waren, und grellfarbigen Polohemden aus Baumwolle oder Linnen, denn seidene schien ich mir, wie sehr sie mich auch anregten, aus Gründen der cubanischen Revolution versagen zu sollen. Ich stellte mir eine Garderobe zusammen, die, sollte die Gesellschaftsumwälzung nur halb so schlimm vonstatten gegangen sein, hinreichen mochte, um auf Julio Lobos Hazienda am offenen Kamin eine auf Grund meines gehobenen Weltenbummlertums allenfalls salopp-passable Figur zu machen, gleichzeitig aber auch dann, wenn aus der Revolution tatsächlich ein neuer Mensch erstanden sein sollte, durchaus als Halb-Proletarier meinen Mann zu stehen.

Eine Kombination war mir besonders an Herz gewachsen. Zum fliederfarbenen Hemd mit weißem Streifen wählte ich eine Hose aus zartem, lindgrünem Cord, die am Bund von einem breiten schwarzen Gürtel zusammengehalten wurde, der an den Hüften durchsetzt war mit vergoldeten Blechringen, die ich, sollte ich an Julio Lobos Kamin die Ehre haben zu ruhen, beiläufig als hochkarätiges Gold ausweisen könnte, aber ebenso, wenn ich mich mit barbudos um ein Spanferkel auf Grasboden würde scharen müssen, schlankweg als billigen westlichen Tand denunzieren.

Was immer mir auch lieber sein mochte: Meine Kleidung war derart zusammengestellt, daß ich mich so oder so hoffte behaupten zu können. Man mag schon an diesen Toilettenfragen ermessen, zu welchen Hochseilakten eine Existenz wie die meine verurteilt ist, habe sie sich nun der Aristokratie oder dem gemeinen Volke anzupassen. Eine formale, eine Zwitterexistenz – wir halten ein, um den geneigten Leser, der nun mit Recht hören möchte, wie es mir auf Cuba ergangen sei, nicht durch Abbiegungen vom geraden Pfad des Erzählens zu verdrießen. Ich beeile mich daher, seiner nur zu begreiflichen Ungeduld entgegenzukommen, auf holzigem Papier vom VEB Riesa, und vergesse im Eifer, die Worte nicht nur der Wahrheit gemäß, sondern auch schön zu setzen, den eigentlichen Zweck, den diese Niederschrift zu erfüllen hat.

Aber was heißt »eigentlich«? Eine ebenso alte wie unbeantwortbare Frage!
Ist der Sinn dieses Rapports denn erfüllt, wenn ich von den über mich befindenden barbudos daraufhin freigesprochen werde und meiner Wege gehen kann, während der ungleich ernsthaftere und bedeutendere Dr. Anzensgruber noch mit zergrübeltem Gesicht eine Gesellschaftsanalyse destilliert und zwischen Imperialismus und Sozialismus seine skrupulösen Wenn und Aber balanciert? Wir schweifen ab, schweifen entschieden ab, es ist wohl gar der Name Dr. Anzensgrubers gefallen? Wir wollen Steinchen auf Steinchen schichten, daß sich diese Geschichte, meine Geschichte, ründe, und nicht sei ein Hick-Hack zwischen Bewußtseinsebenen, Seelengemälden und gelehrten Exkursen. Wir halten ein, während man mir einen Napf salziger Mehlsuppe in die Zelle schiebt und meinen Tag- und Nachttopf leert, um an narrativem Schnürchen den Leser teilhaben zu lassen an meinem merkwürdigen Schicksal.





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