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Hermann Schulz
Der Tag, an dem ich meine Schularbeiten nicht mehr gemacht habe ...
und andere Geschichten

Mit einer Umschlagzeichnung von Eva Gau
2011, 60 Seiten, 6.50 Euro Die Besonderen Hefte
Heftbroschur mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-935421-41-6


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Geschichten von fernen Welten und nahen Gegenden
Die Frauen waren aufmerksam geworden und
umstanden ratlos den Mann, der mit zuckenden Schultern
so schutzlos weinte und das Mitgefühl aller Menschen
hervorrufen mußte. Eine von ihnen strich ihm zuerst sanft
und vorsichtig übers Haar.
"Du hast eine große Stunde erlebt, mein Freund,"
sagte der Libanese. "Allah meint es gut mit Dir!
Was für eine Kraft muss in Dir stecken, daß Du
soviele Herzen gewinnen kannst ..."



Hermann Schulz ist in Afrika geboren und am Niederrhein aufgewachsen.
Nach der Schulausbildung und einer Buchhandelslehre hat er im Bergbau gearbeitet
und sich dann aufgemacht in die weite Welt, bereiste Europa, Südamerika, Afrika
und den Vorderen Orient. Von all dem ist etwas enthalten in diesen Geschichten,
in denen er von fernen Welten und nahen Gegenden erzählt,von Abenteuer und Leidenschaft,
von Beharrlichkeit und Fleiß, von Zuneigung, Ausflüchten und Hingabe und auch von den Schwierigkeiten, einander zu verstehen.










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    schulz-gau-Engel.tif



Wir wissen nicht, was der Mensch ist.
Ein junger Mann, noch verstrickt in der Ratlosigkeit seiner kaum zwanzig Lebensjahre, unternahm ängstlich, aber immerhin auf eigene Faust eine Reise in den Vorderen Orient. Schon bald verlor er durch einen Betrug sein weniges Geld. Mit mehr Welterfahrung, so warf er sich vor, hätte er den Verlust verhindern können. Sich selbst schwor er, sichnie wieder in Situationen zu begeben, denen er nicht gewachsen war.
Im Libanon erkrankte er und hauste einige Tage lang in den von Meereswellen ausgewaschenen Höhlen am Strand von Beirut, ernährte sich von trockenem Brot und Früchten, genoss die Sonne und wartete auf seine Gesundung.
Als er wieder einigermaßen sicher auf den Beinen war, machte er sich per Anhalter auf den Weg in die Türkei, wo er Freunde hatte und hoffen konnte, Hilfe in seiner bedrängten Lage zu finden. In Aleppo ging er, da kein Auto in Sicht war, das ihn hätte mitnehmen können, und obwohl schon der Abend dämmerte, zu Fuß zur türkischen Grenzstation, die er vier Monate früher in Gegenrichtung schon einmal passiert hatte. Er erinnerte sich der Mahnungen der türkischen Zollbeamten, doch in der Türkei zu bleiben: Hier sei er bei zivilisierten Menschen; bei den Arabern dagegen würde es ihm schlecht ergehen und niemand dürfe sein Schicksal ohne Not herausfordern!
Im Morgengrauen, nach einem Fußmarsch durch Nacht und Steinwüste, erreichte er die Grenzstation. Die Beamten erkannten ihn sofort wieder, beklagten sein erbarmungswürdiges Aussehen, erinnerten ihn an die erteilten Mahnungen und erklärten, er müsse zunächst einmal zu Kräften kommen. Sie wiesen ihm einen Raum zu, der als Lager für einige Säcke Datteln benutzt wurde, und schlugen dort ein Klappbett auf. Der junge Mann schlief bis zum Abend, als ihn Musik weckte. Die Grenzer hatten einen langen Tisch gedeckt, ihre Frauen und Kinder herbeigerufen und es begann ein Fest zur Feier der Rückkehr des unbelehrbaren Deutschen aus den Händen der gefährlichen Araber.
Nach drei Tagen war der Reisende auch nach ihrer Meinung ausreichend gesund und konnte weiterziehen, um nach Ankara zu seinen Freunden zu gelangen. Die Grenzer verpflichteten einen durchreisenden Personenwagen, ihn mindestens bis zur Hafenstadt Iskenderun mitzunehmen. Vor der Abreise füllten sie ihm die Taschen mit Brot, Käse und Datteln, aber sie versorgten ihn auch mit guten Ratschlägen für die Weiterfahrt.
In dem Personenwagen reisten, wie sich bald herausstellte, ein Libanese, der auf dem Weg nach Paris war, und ein Türke, der den Urlaub in seiner Heimatstadt Istanbul verbringen wollte. Der junge Deutsche verfolgte kaum ihre Gespräche, die sie auf Türkisch und manchmal Arabisch führten. Er saß auf dem Rücksitz und las ein Reclamheft. Er war literaturbegeistert, und auf dieser Reise führte er Lektüren mit sich, die bequem in der Hosentasche unterzubringen waren.
In Iskenderun angelangt, fragten ihn die beiden Männer, wo er zu bleiben gedenke, es sei nun fast Abend, man werde hier übernachten. Sie errieten aus seinem ratlosem Gesicht, dass er über kein Geld verfügte und boten ihm an, ihr Hotelzimmer mitzubenutzen. Bedrückt, weil er ihnen noch mehr Umstände machte, aber froh, ein Dach über dem Kopf zu haben, nahm er das Angebot an. Seine Gastgeber baten den Hotelier, eine zusätzliche Pritsche aufzustellen und luden ihren Mitfahrer ein, mit ihnen zu Abend zu essen.
Es bedrückte ihn, dass er ihnen und so vielen Menschen auf seiner Reise solche Hilfe kaum jemals würde entgelten können. Er würde, so schwor er sich, später einmal die Welt durch seine Großzügigkeit in Erstaunen versetzen.
Nach dem Essen in einem Restaurant unter Weinlaub und Sternenhimmel ließen die beiden Reisenden eine Pferdedroschke vorfahren. Sie waren in Gespräche vertieft, von denen der junge Deutsche nur Bruchstücke, nicht aber den Zusammenhang mitbekam.
Die Droschke hielt auf einem staubigen Platz am Rande der Stadt. Es war trotz der vorgerückten Stunde immer noch sehr heiß. Der Stadtteil war nur gering beleuchtet, Männer aller Altersgruppen und verwahrloste Hunde strichen zwischen Bars und Teestuben umher. Vor dem Tor eines größeren Gebäude stand eine Traube von Männerleibern vor einem Guckloch aus Maschendraht. Die beiden Orientalen forderten ihren Gast auf, mitzukommen und drängelten sich durch die Menge. Sie betraten nach einem kurzen Wortwechsel mit einem gewaltigen Türsteher einen saalartigen Raum.
Gedämpfe Helligkeit umfing sie. An den Wänden standen gepolsterte Bänke und Sitzkissen sowie kleine Tischchen, um Teetassen und Aschenbecher abzustellen. Die Lampen waren mit Perlen und Papiergirlanden geschmückt. Mindestens zwanzig Frauen befanden sich in diesem seltsamen Salon, bekleidet nur mit Büstenhaltern, Höschen, hochhackigen Schuhen und seidenen Tüchern um den Schultern. Einige saßen allein und pflegten ihre Fingernägel, andere vergnügten sich mit leise gesummten Liedern. Wieder andere waren in Gesellschaft von Männern und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen und gurrendem Gelächter.
Der Libanese fragte den Deutschen höflich, ob er mit einer der Frauen in die hinteren Räume gehen wolle, er sei selbstverständlich eingeladen. Dieser zögerte, errötete, lehnte dann aber dankend ab, er sei krank gewesen und noch nicht wieder ganz gesund. Sie sollten sich bitte nicht aufhalten lassen, er würde hier – und er wies auf einen allein stehenden Stuhl – auf sie warten. Er habe zu lesen dabei, sie sollten sich am besten gar nicht um ihn kümmern. Er setzte sich, zog Kleists Penthesilea aus der Tasche und las, während seine Freunde mit den von ihnen bevorzugten Damen im Dunkel hinter einem Vorhang verschwanden.
Hin und wieder trat freundlich lockend eine der Frauen an ihn heran, um ihm Angebote zu machen. Er lehnte mit leidendem Gesicht ab, akzeptierte aber dankbar den Tee, den sie ihm brachten, und las weiter in seinem Heftchen. Er vertiefte sich aber nicht so sehr in seine Lektüre, dass er nicht einige Details hier im Raum, zum Beispiel eine große Wandtafel, wahrgenommen hätte. Dort waren die Herrlichkeiten der angebotenen Liebeskunst wie auf einer Speisekarte mit den jeweiligen Preisen dahinter aufgeführt. Er verstand nicht alle türkischen Vokabeln, die da benutzt wurden, aber doch soviel, dass er mit Bedauern seiner eigenen, gemessen an solchem Reichtum eher anspruchslosen Liebeserfahrungen gedachte.
Die Liste schloss mit der lakonischen Bemerkung, Studenten und Soldaten hätten nur halbe Preise zu bezahlen. Unterschrift: Der Bürgermeister. Dann veränderte sich auf unerwartete Weise die Welt um ihn herum und er verlor die Kontrolle über sich.
Über seinem Stuhl, nur einen Meter über seinem Kopf, war ein kleines Bord, ein Holzbrettchen, angebracht, auf dem ein Radio stand. Es hatte, wie in dieser Weltgegend nicht anders zu erwarten, türkische und arabische Musik gespielt. Nachdem seit ihrer Ankunft vielleicht fünfzehn Minuten vergangen waren, unterbrach ein Radiosprecher das Programm, und, an diesem Ort völlig unerwartet, sang Freddy Quinn das Lied »Die Gitarre und das Meer«.
Da war es um seine Fassung geschehen. Er hatte seit Monaten kein deutsches Wort mehr vernommen, keinen Brief erhalten. Er war krank und einsam gewesen und durchaus Gefahren ausgesetzt, immer abhängig von der Freundlichkeit fremder Menschen. Durch das so deutsche Lied brach ein Damm in seinem Innern, überflutete ihn Heimweh. Er schlug die Hände vor das Gesicht und weinte. Da vereinten sich in ihm der Schmerz der Einsamkeit mit dem Glück dieser musikalischen heimatlichen Begegnung, so als würde ihm hier an diesem verlassenen Ort die Sehnsucht in ihrer stärksten vernehmbaren Sprache selbst begegnen.
Die Frauen waren aufmerksam geworden, hatten ihre Tätigkeiten und Gespräche unterbrochen und umstanden ratlos den Mann, der mit zuckenden Schultern so schutzlos weinte und das Mitgefühl aller Menschen hervorrufen musste. Eine von ihnen strich ihm zuerst sanft und vorsichtig übers Haar. Als er es geschehen ließ, kniete sie neben ihm und zog seinen Kopf an ihre Brust, wobei ihr Büstenhalter verrutschte. Nun näherten sich auch die anderen, umarmten ihn, streichelten Hände, Gesicht, Schultern und wo immer sie ihn erreichen konnten und redeten tröstend auf ihn ein. Es war, als würden sie ihre Zärtlichkeit nur zu gern verschwenden. Die Hände der freundlichen Damen hatten längst Wege durch Hemdöffnung und Gürtel zu Brust und anderen Orten gefunden.
Als der Libanese und der Türke aus den hinteren Räumen zurückkamen, war das Fest der Tröstung noch in vollem Gange. Sie erkannten unter dem Knäuel von Frauenkörpern kaum ihren Gefährten, der hier eine Gunst genoss, die mit Geld kaum zu kaufen ist. Sie sahen es mit einer Mischung aus Anerkennung und Wohlwollen. Vielleicht sind nur die neidlosen und großherzigen Menschen des Orients hierzu fähig.
Als die Zeit gekommen war zu gehen, geleiteten ihn die Damen unter Küssen und Herzen zur Tür und wollten gar nicht von ihm lassen. Schließlich aber traten die beiden Männer und der junge Deutsche, der noch ganz benommen war, ins Licht der Laternen auf die Straße.
»Du hast eine große Stunde erlebt, mein Freund,« sagte der Libanese, »Allah meint es gut mit dir! Was für eine Kraft muss in dir stecken, dass du so viele Herzen gewinnen kannst! Aber du hast,« er machte mit der Hand eine Bewegung nach unten, »in all der Unordnung wohl - Deinen Tee vergossen. Oder?« Der junge Mann starrte, nur langsam begreifend, auf die Stelle seiner Hose, die man beim Schneider›den Schritt‹ nennt.
»Natürlich ist das Tee,« mischte sich der Türke ein. »Welcher Tee hat denn nur diesen eigenartigen Geruch?« Er blickte nachdenklich in den Abendhimmel. »Natürlich! Jetzt bin ich ganz sicher! Es ist Yasmin-Tee.«
Die beiden Orientalen grinsten sich an und winkten einer Pferdedroschke.






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Info:
Hermann Schulz


Bio-/Bibliographie:


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Hermann Schulz wurde 1938 in Nkalinzi/Ostafrika geboren. Kindheit und Jugend verlebte er im Wendland und am Niederrhein. Nach Schule und Buchhandelslehre ging er in den Bergbau und arbeitete als Gedingeschlepper. Dann machte er sich auf in die Welt und bereiste u. a. Lateinamerika, Afrika und den Vorderen Orient. Seit 1960 lebt er in Wuppertal. Von 1967 bis 2001 leitete er den Peter Hammer Verlag. Für seine verlegerische Arbeit erhielt Hermann Schulz 1981 den Von der Heydt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal. 1998 wurde ihm vom P.E.N.-Zentrum Deutschland die Hermann-Kesten-Medaille zuerkannt.
Er ist Mitglied im P.E.N. und im Verband deutscher Schriftsteller (VS).
Veröffentlichungen (Auswahl):
Auf dem Strom (1998), Iskender (1999), Sonnennebel (2000), Leg nieder dein Herz (2005), Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt (2006), Der silberne Jaguar (2007), Mandela & Nelson (2010), Zurück nach Kilimatinde (2011).

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Cover (143 kb, pdf)


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Umschlagzeichnung von Eva Gau (© Eva Gau)


Außerdem im NordPark Verlag erschienen: Schulz-Hermann-Wendlandgeschichten-Cover.jpg
Der Tag, an dem ich meine Schularbeiten nicht gemacht habe





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