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Gibiec, Christiane
Ein Beweger, ein Impulsator

Der Lackfabrikant Dr. Kurt Herberts
Hrsg. Bergischer Geschichtsverein
Mit zahlreichen Abbildungen, Klappbroschur
80 Seiten, Format 21 x 21 cm
2010; EUR 16,80;
ISBN: 978-3-935421-49-2

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Der Wuppertaler Lackfabrikant, Kunstsammler, Mäzen, Anthroposoph und Naturwissenschaftler Dr. Kurt Herberts (1901-1989) gehörte zu den bedeutenden Unternehmerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.
»Ein Beweger, ein Impulsator« porträtiert den gebürtigen Barmer, der die großväterliche Lackfabrik 1927 nach einem Konkurs übernahm und zu einem der führenden Unternehmen der Lackbranche machte. Die Autorin Christiane Gibiec entwirft anhand von Dokumenten und Zeitzeugenberichten ein Bild des Menschen Kurt Herberts und der Geschichte seines Unternehmens.

In den 30er Jahren und im Zweiten Weltkrieg war Dr. Kurt Herberts & Co. mit innovativen Lacken, vor allem für Großfahrzeuge und Gebäudeanstriche, sehr erfolgreich. Unter den Nationalsozialisten schützte und beschäftigte Herberts verfemte Künstler wie Oskar Schlemmer und Willi Baumeister, die zusammen mit dem Künstler und Architekten Franz Krause den „Wuppertaler Arbeitskreis“ bildeten. Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens nach dem Zweiten Weltkrieg, zu der eine außergewöhnliche Unternehmens- und Ausbildungskultur gehört, bis zum schrittweisen Verkauf der Firma in den 70er und 80er Jahren ist ebenso Thema des Buches wie der Bau von Herberts’ Wohnhaus Villa Waldfrieden nach dem Entwurf von Franz Krause am Unterbarmer Hirschberg, wo seit 2008 der Skulpturenpark Waldfrieden des Künstlers Tony Cragg ansässig ist.

Interessieren Sie sich für die Gestaltung des Buches?
Die Grafikerin Rita Küster hat als Schrift die Daxline Pro des Wuppertaler Künstlers und Schriftenschneiders Hans Reichel gewählt und für das Lay-out eine kongeniale Form gefunden.
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Leseprobe

Römisch Eins und das Luftballonphänomen

Es hat für mich nie einen Widerspruch gegeben zwischen der industriellen Tätigkeit und meinen geistigen und philosophischen Neigungen. Es wäre zu begründen, was im besonderen die Motive gewesen sein mögen, eine industrielle Aufgabe anzustreben. Nachträglich gesehen, mag dies aus einer schicksalhaften Konstellation erfolgt sein, aber die Tätigkeit auf industriellem Felde habe ich immer als faszinierend empfunden wegen der außerordentlichen Vielseitigkeit der Aufgabenstellungen und Herausforderungen, vor allem auch durch die persönliche Freiheit in den Entscheidungen und gerade auch durch eine kompromißlose letzte Eigenverantwortung.
Kurt Herberts um 1985 in einem Interview mit Jürgen Frenzel

Der Lackfabrikant Dr. Kurt Herberts (1901-1989) gehörte zu den visionären, schon sehr frühzeitig global agierenden Unternehmerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und kann gleichzeitig als typischer Wuppertaler Fabrikant bezeichnet werden. In der durch die Frühindustrialisierung stark geprägten Arbeiterstadt entwickelte sich dieser Unternehmertypus vor allem im 19. und 20. Jahrhundert und zeichnete sich durch soziales Engagement, Zuverlässigkeit, Innovationsfreude und große Geschäftstüchtigkeit aus.

Kurt Herberts hinterließ in seinen achtundachtzig Lebensjahren deutliche und markante Spuren. Dennoch fällt eine Annäherung an die Persönlichkeit des Unternehmers nicht leicht. Ein zwischen humorvoller Lichtgestalt und egozentrischem Machtmenschen flirrendes Bild entsteht, das durch große Distanz und einen Nimbus von Bedeutsamkeit und Macht, den der Senator e.h. Prof. Dr. rer. nat. h.c. Dr.-Ing., Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes und des Großen Verdienstkreuzes der Heiligen Metropolie von Deutschland, den Zeitzeugen zufolge um sich verbreitete, eine zusätzliche Unschärfe erhält. Die Erfolgsleiter des Unternehmers Kurt Herberts führte stetig nach oben. Er übernahm die großväterliche Lackfabrik quasi bei Null und verkaufte sie gut fünfzig Jahre später mit rund viertausend Beschäftigten und einem Jahresumsatz von über vierhundertachtzig Millionen Mark. Nahezu bruchlos steuerte er die Firma durch die großen Krisen des Jahrhunderts, in dessen erstem Jahr er geboren wurde. Er trotzte dem Nationalsozialismus, indem er nicht in die NSDAP eintrat und trotz persönlicher Gefährdungen und Pressalien durch die Gestapo verfemten Künstlern und verfolgten Juden Arbeitsmöglichkeiten und Schutzraum gab. Der promovierte, leidenschaftliche Naturwissenschaftler glaubte unerschütterlich an die geistigen und seelischen Kräfte des Menschen und die göttliche Kraft des Schöpferischen. Im europäischen Humanismus Goethes und Humboldts war er ebenso zu Hause wie in der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners, an der er sich sein Leben lang orientierte. Als einen Unternehmer mit der Kraft zur Phantasie und zum Träumen beschrieb ihn der Weggefährte und ehemalige IHK-Hauptgeschäftsführer Horst Jordan, der es versteht, persönliche Neigungen in wirtschaftlichen Erfolg umzusetzen, und der wirtschaftlichen Erfolg nutzt, um Zeit zu gewinnen für schöpferische Muße.

Von den Körpermaßen her war Kurt Herberts ein kleiner Mann, untersetzt, kräftig, elegant gekleidet, ein Herr. Seine Augen fielen durch große Unregelmäßigkeit auf, so der Maler und Freund Hans-Jürgen Kallmann, der in den 60er Jahren mit einem Porträt des Industriellen beauftragt wurde, sein linkes verbarg hinter einem Lächeln eine tiefe Melancholie. Breite Schläfen konturierten ein Gesicht, das wie ein ungleichmäßiges Dreieck zu geprägten Kinnladen hin in ein wuchtiges, energisches Kinn auslief. Die kurze, aber wuchtige Nase mit runder Spitze endete da, wo die Nasenlöcher die obere Begrenzung zu einer langen Fläche bildeten, die zu einem beinahe asketischen, sehr phantasiereichen Mund führte, der breit beinahe das ganze untere Gesicht zerteilte.

Obwohl im Wuppertal geboren, sprach Kurt Herberts kein Barmer Platt, sondern ein hoch gebildetes ‚Oxford-Deutsch', und konnte aus dem Stehgreif launige Ansprachen halten. Er war ein bekennender Kapitalist mit großem Verkaufstalent, aber auch hohem Ethos, dem es nicht nur um den Umsatz, sondern auch um die Anhäufung und Optimierung seines Humankapitals ging. Zum Beispiel wies er einmal, wie seine langjährige Betriebspsychologin Ruth Blum-Hartlieb berichtete, die Forderung seiner betrieblichen Kostenrechner zurück, einige ältere Mitarbeiter, die die Pensionsgrenze schon überschritten hatten und deren Tätigkeiten nicht mehr gebraucht wurden, freizusetzen. Diese Beschäftigten seien Bestandteil der menschlichen Substanz des Unternehmens und trügen durch ihr bloßes Dasein zum Unternehmenserfolg bei, war die unmissverständlich ablehnende Antwort des Firmenchefs.

Ihm lag an selbstbewussten und lernbegierigen Mitarbeitern, die er systematisch aufbaute, leidenschaftlich bildete und ausbildete, förderte, aber auch in hohem Maße forderte. Erhöht auf einem Treppchen erwartete und begrüßte der Frühaufsteher seine Angestellten morgens vor dem Bürogebäude am Christbusch in Wuppertal-Unterbarmen, ein Firmenvater, der nicht nur alle Abläufe im Blick hatte, sondern auch die persönlichen Befindlichkeiten derjenigen, die in seiner Nähe arbeiteten. Fast täglich ging er durch den Betrieb, ließ sich in den einzelnen Abteilungen berichten, gab Impulse, stellte strenge Anforderungen, war fordernd und nicht zimperlich, wie ehemalige Mitarbeiter berichten, blieb dabei aber immer Gentleman. Manche Arbeiter, zu denen er eine besondere Verbindung hatte, begrüßte der Chef mit einer Umarmung und herzlicher Anteilnahme, aber er legte auch Wert darauf, dass solche Leutseligkeiten von seiner Umgebung beachtet wurden.

Als bemerkenswert, kompliziert und ungewöhnlich beschreiben ihn seine Zeitgenossen, als positive Autoritätsfigur, charmant, interessiert, respekt- und humorvoll, mitfühlend, kontaktfreudig, aber auch als distanzierten Egozentriker, als beherrschende Persönlichkeit mit großem Geltungsbedürfnis, als Patriarchen und Hierarchen, der sich seiner Macht bewusst war, in einer eigenen Welt lebte und seinen Stab ständig mit neuen Ideen und Regieanweisungen konfrontierte. Ein Chef, der seine Mitarbeiter zuweilen in einen offenen Wettkampf um die Lösung eines diffizilen Problems schickte, sie spüren ließ, wenn er mit einer Leistung nicht zufrieden war, oder ihnen, wenn sie vor ihn zitiert wurden, auch schon mal das Gefühl geben konnte, es mit einem nahen Verwandten des lieben Gottes zu tun zu haben. Ein Ich-Bezogener, der gleichwohl sein Umfeld aufmerksam wahrnahm und an dessen Lachen man seine Stimmung ablesen konnte: herzerwärmend, krächzend, höhnisch, sarkastisch, wie es Hans-Jürgen Kallmann beschrieb.

Wer es fünf Jahre bei ihm ausgehalten habe, sei austrainiert und durch nichts mehr umzubringen, wurde Herberts von der Betriebspsychologin Blum-Hartlieb zitiert. Sie beschrieb in zahlreichen Episoden den Firmenchef, intern auch Römisch Eins genannt oder, nach der Verleihung des Ehrenprofessors durch die nordrhein-westfälische Landesregierung, der Professor. Besonders bemerkenswert war sein Stil der Personalführung, der ein wesentlicher Schlüssel zu seinem unternehmerischen Erfolg war. Vorstellungstermine für Bewerber, die schon eine Vorauswahl im Unternehmen hinter sich hatten und entsprechend nervös vor die höchste Instanz zitiert wurden, sahen laut Blum-Hartlieb so aus: Römisch Eins saß bei solchen Gelegenheiten an seinem großen, sanft geschwungenen Schreibtisch, neben sich sein "Kommunikationspult", auf das eine Vielzahl telefonischer Leitungen geschaltet war. Es war dies die technisch apparative Erweiterung seines natürlichen Sensoriums. Er telefonierte, nahm Gespräche entgegen, wählte selbst solche an. Der Proband, in einem Sessel ihm gegenübersitzend, flankiert von einer mit Stenoblock bewehrten Dame, wurde von Römisch Eins mit liebenswürdiger Höflichkeit um Verständnis, Entschuldigung und etwas Geduld gebeten. Er begann ein Gespräch, unterbrach es durch ein erneutes Telefonat, setzte das Gespräch fort, unterbrach es erneut und so fort. Auf diese Weise testete Römisch Eins die Frustrationstoleranz, Elastizität, Konzentrationsfähigkeit, gesellschaftliche Beweglichkeit des Probanden und seine Schnelligkeit der Anpassung an wechselnde Situationen.

Blum-Hartlieb berichtete auch vom Luftballonphänomen, einer besonderen Erscheinung in Gegenwart des Chefs, auf deren Auftreten die Mitarbeiter Wetten abschlossen: Aus normalerweise selbstsicheren Personen entwich angesichts des Titanen die Luft und sie schnurrten zu unansehnlichen Hüllen zusammen. Einige Male erkrankten mehrere seiner engen Mitarbeiter zeitgleich an unterschiedlichen, ernsthaften Leiden, ein Phänomen, für das es keine naturwissenschaftliche Erklärung gab. Herberts vermutete Koinzidenzen im Sinne von C.G. Jungs Lehre von der Synchronizität der Ereignisse und ließ dieser Frage nachgehen, unter anderem auch mit Hilfe ungesicherter Theorien aus Grenzwissenschaften. Als Ergebnis, so Blum-Hartlieb, hätten sich Gemeinsamkeiten in den persönlichen Daten der betroffenen Personen ergeben. Dies habe Kurt Herberts in seinem Glauben bestärkt, dass alle Menschen in seiner Umgebung zu einem gemeinsamen, ihm zugeordneten Schicksalskreis gehörten.

Der Unternehmer reiste im Sommer gerne zu den Salzburger Festspielen und pflegte den Kontakt zu bedeutenden Geistern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik. Er war Mitglied vieler hochrangiger Gremien, hatte ein ausgeprägtes Elite-Bewusstsein und hielt konservative Werte hoch. Als achtzehnjähriger Student war er dem Corps Teutonia Stuttgart beigetreten, dem er lebenslang die Treue hielt. Anlässlich einer ‚Weihnachtskneipe' des Corps referierte er 1984 über seine Auffassung von Elite. Diese, so Herberts, sei für die menschliche Gemeinschaft und den Wettbewerb der Nationen unverzichtbar, allerdings auch in hohem Maße verpflichtet, die eigene Persönlichkeit zu bilden und Verantwortung zu übernehmen.

Seit Anfang der 50er Jahre war Kurt Herberts Mitglied des Wuppertaler Rotary Clubs, dem er sich nach seinem Ausscheiden aus der Firma in den 70er und 80er Jahren enger anschloss. Freunde aus diesem Kreis erinnern sich an seine Treue, seine Verantwortungsbereitschaft und Liebenswürdigkeit, seinen Humor, sein Kontaktbedürfnis, seine Gastfreundschaft, sein großes Interesse an allen Belangen der Künste und der Wissenschaften.

Er war ein Kämpfer, der, wie sein zeitweiliger enger Mitarbeiter Horst Wiethüchter berichtete, den Misserfolg als Herausforderung nahm - im Sinne eines ‚das wäre doch gelacht, wenn wir da nicht herauskämen' - und nur unter engen Freunden zugab, dass ihn neben dem unternehmerischen Mut oft auch die Angst beflügelte, den Anschluss zu verpassen. Für die Betriebspsychologin Blum-Hartlieb waren die Treue und das Vertrauen, das viele Herberts-Mitarbeiter dem Unternehmen auch nach ihrem Ausscheiden entgegenbrachten, Ausdruck des besonderen Unternehmensklimas, das Kurt Herberts geschaffen hatte: ...ein spezielles Ökosystem, ein von Leben vibrierendes Bioto..., in dessen Mitte ein Beweger, ein Impulsator, ein ständig auf Hochtouren laufender Dynamo auszumachen war, der in konzentrischen Ringen Energie abgab und aufnahm... Ein Bruder des Faustus, der empörte, beschwichtigte, bezauberte und faszinierte .

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Info:
Gibiec-christiane. Foto: Frank Becker
Die Autorin Christiane Gibiec, Jahrgang 1949, lebt und arbeitet in Wuppertal als Wissenschaftsjournalistin und Dozentin. Sie hat mehrere historische Romane geschrieben (Türkischrot, Fünf Monde), Dokumentarfilme gedreht (Das Tanztheater der Pina Bausch) und leitet Literaturwerkstätten.
Webseite:
www.cgibiec-autorin-journalistin.de/

(Foto: Frank Becker, Musenblätter)



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