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Jörg Aufenanger
Bin ich nun ein Trümmerkind ...
2012, 10,50 Euro
Paperback, 116 Seiten
ISBN 978-3-935421-83-6

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Leseprobe



Miniaturen aus einer Nachkriegskindheit«
In »Bin ich nun ein Trümmerkind ...« erzählt Jörg Aufenanger in dreiundsechzig Miniaturen von seiner Nachkriegskindheit im bergischen Wuppertal, manchmal melancholisch in der Suche nach einer verlorenen Zeit, oft aber auch heiter dank des Glücks der Kinderjahre.
Eine Lebensfrühzeit geprägt von Freundschaften mit einem Elephanten, einem Puma und einigen Mädchen. Als es noch keine Kinderspielplätze gab, waren die Trümmergrundstücke Schauplatz kindlicher Spiele und erster erotischer Wirren.

»Bin ich nun ein Trümmerkind, da ich zwischen Trümmern erstmals ein Mädchen geküsst habe?«, so beginnt das Buch der Erinnerung und endet mit dem Satz: »Ich schaukle sanft weiter wie die Schwebebahn, zwischen Gestern und Heute.«



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Lesung (mp3-Datei)

Jörg Aufenanger liest ein Kapitel aus dem Buch: "Karfreitag". Von einem Ausflug an Karfreitag nach Neviges.


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In einem Interview bei WDR 3 spricht Jörg Aufenanger über sein neues Buch »War ich nun ein Trümmerkind …«

In »Bin ich nun ein Trümmerkind …« erzählt Jörg Aufenanger in dreiundsechzig Miniaturen von seiner Nachkriegskindheit im bergischen Wuppertal, manchmal melancholisch in der Suche nach einer verlorenen Zeit, oft aber auch heiter dank des Glücks der Kinderjahre.
Eine Lebensfrühzeit geprägt von Freundschaften mit einem Elephanten, einem Puma und einigen Mädchen. Als es noch keine Kinderspielplätze gab, waren die Trümmergrundstücke Schauplatz kindlicher Spiele und erster erotischer Wirren.
Das Interview ist noch zu hören! aufenanger-bei-wdr-3.jpg
http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2012/04/05/mosaik-truemmerkind.xml






Leseprobe


1

Bin ich nun ein Trümmerkind, da ich zwischen Trümmern erstmals ein Mädchen geküsst und zudem meinen ersten Orgasmus erlebt habe? Kaum hatte ich meine Geburtsstadt verlassen, da wurden die Trümmer abgerissen, das Grundstück planiert, ein Parkplatz angelegt und eine Polizeistation errichtet. So berichtete man mir ins ferne Dortmund. Bevor ich Wuppertal den Rücken kehren musste, hatte ich mich noch einem Elephanten, Targa hieß er, vermutlich eine Sie, anvertraut und sie sich mir. Nahm meine Kindheit schon ein frühes Ende, als ich im Alter von knapp zehn Jahren dem Ort meiner Kinderspiele Adieu sagen musste? Wann und wie hatte sie begonnen?
Meine erste Erinnerung ist ein schwarzer Schal. Da war ich drei. Er hing an der Türklinke zu unserer Wohnung. Meine Großmutter war gestorben, da waren wir in der Drei-Zimmerwohnung im Elberfelder Zooviertel nur noch zu viert. Meine Mutter, mein Onkel Gustav, meine Tante Hedwig und ich. Einen Vater gab es nicht, aber den vermisste ich auch damals nicht, es gab ja den Onkel im Haus. An meine Oma habe ich keine Erinnerung, nur das Bild einer mal strengen, mal auch gütig dreinblickenden Frau bleibt mir, wobei ich nicht weiß, ob ich das nicht nur erinnere, da ich einige Photos von ihr besitze.
Die zweite Erinnerung war ein Gang mit meiner Mutter nach Sonnborn, nein, stimmt nicht, ich erinnere mich nicht mehr an den Gang, sondern nur an einen englischen Soldaten in irgendeiner Dienststelle der Tommys, der mir etwas in die Hand drückte, was ich nicht kannte, eine Birne. Es war die erste mich rührende Geste eines Mannes. Beiß hinein, sagte meine Mutter und der Saft der Birne lief mir aus den Mundwinkeln. Seitdem mochte ich unsere Besatzer, die Tommys.
Die dritte Erinnerung, und ich war immer noch drei Jahre alt: Draußen auf der Kaiser-Wilhelm-Allee, wohin sich so gut wie nie ein Auto verirrte, hupte es. Meine Tante und ich eilten zum Fenster. Auf der Straße stand Onkel Gustav und winkte. Er stand vor einem Auto. Wir liefen die Treppen hinab, die Tür schlug hinter uns zu, wir stoppten vor dem Auto. Onkel Gustav stand stolz neben dem DKW, der, wenn ich mich recht erinnere, nicht aus Blech, sondern großteils aus Holz war. Steigt ein, rief er. Meine dicke Tante quetschte sich auf den Rücksitz, stöhnte dabei, ich durfte neben dem Onkel sitzen und der fuhr an, das Auto rollte die Allee hinunter. Es ruckelte und knatterte bedenklich, am Trümmergrundstück linkerhand, meinem Spielplatz, ging es vorüber, und erst als wir um die Kurve gefahren waren und den Berg hoch, am »Kuhstall« vorbei zum Zoo, lief der DKW besser. Kerzengerade saß der Onkel am Steuer, blickte starr auf die Straße vor ihm, doch kein Auto kam ihm entgegen, wir ließen den Eingang zum Zoo rechterhand liegen, bogen nach links ab und dann wieder links am Haus der Buths vorüber, und schon war die erste Autofahrt meines Lebens zu Ende.
An eine weitere Fahrt mit diesem Gefährt kann ich mich nicht erinnern. Mein Onkel Gustav ist wohl kurz danach verschwunden, wohin weiß ich nicht, und tauchte nur noch sporadisch in meinem Trümmerkindleben wieder auf.


2

Meine erste Liebesaffäre hatte ich mit Vier, also ein Jahr später. Sie hieß Ike. Wir gingen in denselben Kindergarten in Sonnborn. Das war weit weg.
Tante Hedwig brachte mich hin. Am Stadion vorbei unter der Schwebebahn her, bis zur katholischen Kirche, wie hieß sie noch? Es gibt sie nicht mehr, denn sie musste einer Autobahn weichen. Sie fiel einfach in sich zusammen eines Tages. Der Kindergarten neben der Kirche ist auch verschwunden, mehrspurig geht’s dort nun über den Köpfen der Sonnborner einher. Sonnborner Kreuz! Hier spielte ich erstmals Theater. Im Kindergarten meine ich. Ich weiß nicht mehr was, weiß nur noch, ich spielte einen Schweinehirten, obwohl es keine Schweine im Kindergarten gab und obwohl es eine Art Freilichttheater war. Ich als Schweinehirt musste Holzpantinen tragen. Darauf lief ich sehr unsicher. Irgendwie gab es eine Sandgrube, da sollten wohl die Schweine leben. Aber ich stolperte auf meinen Pantinen, strauchelte, fiel in die Grube, hatte meinen Text vergessen und fing an zu heulen. Das war nicht vorgesehen. Ich hatte meinen ersten Auftritt vermasselt und nur weil die Bretter, die die Welt bedeuten sollen, auf Sand gebaut waren. Die anderen spielten einfach weiter. Keiner kümmerte sich um mich. Irgendwann kam Ike zu mir und tröstete mich. Das war nett von ihr und ich liebte sie sofort. Am Tag danach trafen wir uns in den Trümmern am unteren Ende der Kaiser-Wilhelm-Allee. Ich gestand ihr meine Liebe, sie küsste mich auf den Mund, mein unvergesslicher erster Kuss, und meinte: »Zieh die Hose aus!« Als ich zögerte, meinte sie: »Nun mach schon!« Ich machte. Und sie betrachtete meinen kleinen Zipfel, nahm ihn in die Hand, rieb daran. Das war schön. Dann holte sie eine schmale Glasflasche hervor, entnahm ihr eine bunte Liebesperle und steckte sie in meinem Zipfel. »Jetzt sind wir verlobt« schrie sie. Das war’s, aber immerhin. Einige Tage später trafen wir uns wieder zwischen den Trümmern. Ich wartete darauf, dass sie wieder sagte: Zieh die Hose aus, doch sie sagte nichts. Ich war enttäuscht, sagte aber: »Ich will Dich heiraten, Du bist so schön dick.«
»Ich Dich nicht, Du bist mir zu dünn.« So endete meine erste Liebesaffäre nach kurzer Dauer. Wenig später wurde ich in das städtische Kinderheim nach Norderney verschickt, »Haus Wuppertal«. Ich war zu dünn. Sollte dort gemästet werden.


3

Meine Mutter rauchte immer nur sonntags, denn das war ihr einziger freier Tag. Den langen Vormittag blieb sie im Bett liegen, mich schickte sie, als ich dann sechs Jahre war, nach Sonnborn in die Kirche zum Hochamt. So störte ich sie nicht. Vorher musste ich noch zur Bude an der Ecke laufen, Zigaretten kaufen. Zehn Zuban. Auf den vielleicht hundert Metern murmelte ich stets vor mich hin »Zehn Zuban« und lispelte aus Spaß dabei. Bald lispelte ich bei jedem Wort mit S oder Z immer, das machte meine Mutter wütend. Das Lispeln störte sie in der Sonntagsruhe. Sie gab mir einen Kieselstein. »Den nimmste jetzt immer in den Mund, wenn Du was zu sagen hast. Sonst schweig!« Es war nicht einfach, mit einem Kieselstein im Mund zu sprechen, aber ich gewöhnte mich dran, allein wenn ich Blockflöte spielte, was ich nur zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags durfte, nahm ich ihn raus. Bald lispelte ich dank des Kieselsteins nicht mehr. Holte aber auch eine andere Zigarettenmarke, ich glaube es war Juno. Rund aus gutem Grund. Der Spruch gefiel mir.


4

Ich war ja zu dünn. Deshalb wurde ich nach Norderney verfrachtet. Seitdem hasse ich grün. Denn der Eisenbahnwagon, in den ich geschoben wurde, war grün. Eine Schwester gab jedem Kind ein Stück Brot und eine Fleischwurst, das musste reichen für uns dünne Kinder, wir sollten ja erst auf Norderney gemästet werden. Seitdem hasse ich nicht nur grün, sondern auch Fleischwurst. Frühkindliche Prägung sagt man wohl heute dazu. War damals aber nicht wichtig. In Norderney schiss ich in die Hose, pisste ins Bett. Zur Strafe musste ich die Hose einen halben Tag anbehalten. Das stank. Bis es auch die Schwestern leid waren, sich die Nase zuzuhalten, wenn ich in ihre Nähe kam. Wer seinen Teller nicht leer aß, wurde von ihnen geschlagen. Aber die Nordseeluft sollte ja gut sein für unterernährte Kinder. Ich wollte nach Hause zurück, heulte Tag und Nacht. Niemand tröstete mich. Der Krieg lag ja gerade einmal fünf Jahre zurück. Also wurde ich geschlagen, auch weil ich heulte. Aber dann heulte ich noch mehr. Andere Kinder auch. Wurde frühzeitig mit zwei anderen Kindern aus dem »Haus Wuppertal« ausgewiesen und nach Wuppertal zurückgeschickt. Zu renitent. Nicht erziehbar, sagte das Gesundheitsamt zu meiner Mutter. Ich war glücklich, erneut zwischen den Trümmern spielen zu können. Bin nie wieder zur Nordsee gefahren. Bis heute.
Aber es musste was gemacht werden mit dem dünnen Kind. Mit mir. Ich bekam keine Magermilch wie alle anderen, sondern normale Milch. Die wurde vom Milchmann in silbernen Kannen angefahren bis vors Haus, die Magermilch (fettarme sagt man heute euphemistisch) in roten Kannen.
Und ich musste zu Dr. Goldbrunn, der war Arzt in der Parallelstraße. Ein herzensguter Mensch. Der hätte mein Vater sein sollen, sagte ich mir. War er aber nicht. War Jude, wie ich viel später erfuhr. Was das war, wusste ich damals natürlich nicht. Gab ja kaum welche mehr. Dr. Goldbrunn verschrieb mir Lebertran und Höhensonne. Der Lebertran schmeckte grausig, war noch nicht mit Aromastoffen angereichert wie später. Ich spuckte ihn heimlich aus. Zweimal in der Woche zur Höhensonne. Nackt auf dem Bauch oder dem Rücken liegen, auf den Augen einen Wattenbausch, eingecremt wurde ich, aber nicht nur ich, denn wir lagen zu zweit auf der Liege. Nackt, neben mir ein Mädchen, auch dünn, nicht so schön dick wie Ike. Doch ich mochte keine Mädchen mehr seit Ike, fand sie alle doof. Den Geruch der Höhensonne, der sich mit dem der Creme auf unserer Haut vermischte, ich habe ihn bis heute in der Nase.
An das Mädchen erinnere ich mich nicht mehr, obwohl ich oft neben ihr gelegen habe. Nackt. Das sollte mir später nicht mehr passieren, ich meine, dass ich so etwas vergessen könnte.






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Bio-/Bibliographie:

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Jörg Aufenanger

1945 in Wuppertal geboren, Studium in Berlin und Paris, arbeitete als Theaterregisseur in Paris, Rom und in Deutschland. Er lebt als Autor und Übersetzer in Berlin.
Veröffentlichungen u.a.: »Bin ich nun ein Wirtschaftswunderkind«, »Vierzig Tage im Leben des Heinrich von Kleist«, »Schiller – eine Biographie«, »Heinrich Heine in Paris«, »Das Lachen der Verzweiflung – Christian Grabbe«, »Hier war Goethe nicht«.




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