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Jochen Arlt
Geschenkt 2

Weitere Gedichte, Prosa,Sprüche
Heftbroschur mit Schutzumschlag
82 S.; 2014; EUR 6,50;
Die besonderen Hefte
ISBN: 978-3-943940-01-5

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Jochen Arlt präsentiert uns authentische Texte, geprägt durch Urtümliches, Geheimnisvolles, Nestwärme und regionale Gegebenheiten. Ausflüge in die Welt und Rückzüge in Eifeler Meditationen finden sich darin, Obermendiger Kindertage mit Eisblumen an Fensterscheiben oder Bob Dylan in Kölns Stolkgasse. Klirrende Zeiten der Erkenntnis und des Verzagens kleidet der Autor in sanfte und bissige Texte. Und glücklicherweise bleibt der Leser versorgt damit auf unabsehbare Zeit …



Ausführliche Leseprobe (pdf-Datei)





Die Besonderen Hefte
Die Besonderen Hefte werden in der Werkstatt des NordPark Verlages von Hand gesetzt, in kleinen Auflagen auf dem chlor-, säurefreien und alterungsbeständigen Geese Werkdruckpapier Alster gedruckt, handgefalzt und hand(faden) geheftet und in feines Geese-Vorsatzpapier PASSAT eingeschlagen.

Jedes Heft ein Unikat und Sammlerstück
zu beinahe strafwürdig niedrigen Preisen
zwischen 5,50 und 6,50 €.
(Musenblätter)




Leseprobe



Eifeldom

        20 Jahre später Klaus W. gewidmet

Fünf Tage in unverzierter Landschaft. Kein Nachbar. Ohne Besuch. Telefon und Handy abgestellt. Schreiben. Essen. Schlafen. Laufen. Schreiben.
Zwischendurch Spaziergänge.
Dabei Leo begegnet. Augen wie ein Baby mit 68. Früher, nahezu sicher, hatte er noch Goldzähne. Heute sitzt er, von Mai etwa bis September, meist gegen 16 Uhr, auf der Steinbank am Eifeldom. Stets mit den blaugrünroten Marokko-Schlappen. Zu oft liest er in seiner persönlichen Bibel Keiner weiß mehr, ein Roman von Rolf Dieter Brinkmann.
Leo war in den 1960er Jahren Frontmann einer Beat-Combo. Gelernt hat er Kühe hüten, arbeitete nach der Schule auf dem elterlichen Hof, auf den Feldern und Wiesen ringsum, wollte aber nie Bauer werden.
Vorzeitiger Tod des Vaters. Leo, ohne Geschwister, verkaufte das Vieh, verpachtete das Land. Mutter reichte die bescheidene Witwenrente. Der Sohn setzte auf die angesagte Musik.
Sänger, Sünder, Säufer, zieht Leo Bilanz.
Sie ignorieren ihn wegen seiner verbogenen Lebenslinie.
Niemand achtet ihn als stolzen Verlierer.
Auf der Bühne, erzählt Leo, habe ich das Publikum kaum wahrgenommen. Ich schaute fast nur in Richtung volles Scheinwerferlicht, sah dort Jim Morrison und Brinkmann – gemeinsam brennend auf einem Riesenrad. Unglaublich, dass beide dann tatsächlich so früh gestorben sind.
Ist Leo wieder mobil durch Hartz IV, genehmigt er sich im Eifeldom eine Terrine Linsensuppe mit Brühwurst. Traditionsgemäß mit Nachschlag. Als Nachschlag II ein doppelter Wodka und ein großes Bit. Schließlich noch ein großes Bit, noch einen doppelten Wodka.
Leo braucht nicht erst zu bestellen. Der Gastwirt weiß Bescheid. Das ganze Dorf weiß Bescheid.
In Köln, erinnert sich Leo, an den Ringen, da waren alle Kellner bewaffnet. Für die Spätschicht bekam jeder Musiker drei Freikölsch. Zum Finale, nach acht bis zwölf Zugaben, gelegentlich eine von Zuhältern spendierte Runde Lufthansa Cocktail. Und während der Tanzpausen, als Hausservice, gab’s die im Milieu beliebten Preludin-Drops. Ach ja, vorher, nachher – MädchenMädchen. Erstklassige junge Rennpferde. Frischfleisch bis zum Abwinken.
Leo zündet sich eine Marlboro an.
Trotz Drafi Deutscher, Shorty Miller und anderer Nachwuchsstars hieß der Säulenheilige im Kaskade Club Benny Quick. Unsere Band durfte ihn einmal begleiten. Du bleibst draußen, bitte schön, bemerkte sein Manager deutlich, nur die Don Kosaken können sich zwei Solosänger leisten.
Leo hebt die Schultern, richtet sich auf, wird leiser.
Keiner aus meiner Gruppe lachte. Keiner widersprach. Also saß ich die halbe Show über an der Theke, verkrampfte total, als meine Paradenummer Pretty Woman ablief. Ich zahlte ruckzuck die beiden großen Bit, die beiden doppelten Wodka, sagte Adieu, auf bald, nahm den Nachtzug Richtung Koblenz.
Ich wurde ja nicht mehr gebraucht.



Bangkok

Nein, sie hätte nicht wieder herkommen sollen.
Sie besuchte seit damals, als sie aufs Land umgezogen war und sich einer juristischen Sozietät angeschlossen hatte, erst das dritte Mal wieder die Südstadt.
Sie fiel auf, zumal im Januar, durch ihren nahezu authentischen Brathähnchentaint. Mit dem schwarzen Wollkaftan sah sie einer winterdicken Amsel nicht unähnlich. Behutsam gleitend balancierte sie über das vom Schneematsch gefettete Kopfsteinpflaster der Rolandstraße. Ihre kardinalroten Gummistiefel waren in einem exklusiv unappetitlichen Zustand.
Sie begegnete einigen wenigen Leuten, die sie von früher her kannte, aber nie kennen lernen wollte. Schließlich verharrte sie regungslos vor dem Haus Nummer 24, schaute empor zum zweiten Stockwerk des längst genuin restaurierten Jugendstilbaus. Von 1980 an, während ihrer Studienzeit, hatte sie dort fünf Jahre hindurch in einer achtköpfigen Wohngemeinschaft gelebt. Zwischen dem rechten Parterrefenster und dem Oberlicht des ehemaligen Esszimmers der freundschaftlich geprägten Kommunität prangte nun ein gelber Neonkasten mit der grünen Leuchtschrift Fahrschule Unkelbach.
Sie wandte sich ab, wollte weitergehen, doch unwiderstehlich hielt sie etwas zurück. Ben und Linda und Manfred und Alf und Karin und Jörg waren momentan so präsent wie Christian, der sie wegen ihrer kakaofarbenen Haut stets Maggie-Darlin’ genannt hatte. Er konnte nicht ahnen, wie tief er sie damit verletzte. Das ist exakt jene braune Nacktheit, ulkte Alf gelegentlich gar weitaus konkreter, die man möglichst unberührt lassen sollte – und schlief ebenso regelmäßig mit ihr wie Christian und Ben und Manfred. Es gibt Menschen, tröstet sie sich von jeher, die geschaffen sind zum Geben. Dann gibt es halt andere, die geschickter im Nehmen sind.
Sie war Trauzeugin als Karin und Jörg heirateten. Linda und Alf kauften gemeinsam die zweite Etage des Hauses Rolandstraße 24 als Eigentumswohnung. Ebenfalls Manfred und Ben sind inzwischen verheiratet. Christian arbeitete zuletzt für ein Touristikunternehmen, lässt jedoch lange schon nichts mehr von sich hören und lesen.
Sie, nach wie vor alleinstehend mit weitfächrigem Bekanntenkreis, indes ohne feste private Bindung, wäre heute Mutter einer dreißigjährigen Tochter.
Sie spürte, wenn überhaupt, den anhaltenden Schneeregen nur unterbewusst. Ein Regen, dessen schwere Flocken ihr als leichter Katzengoldflitter zuflogen.
Sie fragte sich, warum sie an diesen fossilen Ort zurückgekehrt sei, wollte vergessen, dass sie sich erinnert. Sie konnte es nicht. Sie musste ihr Gedächtnis wieder und wieder bemühen, um einzugrenzen, wer der Vater gewesen wäre. Genau wie vor dreißig Jahren.
Sie setzte sich, eher durchnässt als frierend, auf die mittlere Stufe des Treppenaufgangs vor der Haustüre, zog ihre pelzgefütterten roten Gummistiefel aus. Und ließ sie dort stehen.



1892 – 1978


Mein Großvater hätte nach dem Willen seiner Eltern den hauseigenen Fleischerei-Betrieb weiterführen sollen.
Mein Großvater wurde Seemann. War Garagenmeister mit Tankstelle. War Kutscher. Und konnte eimerweise Kräuterschnaps saufen wie ein Pferd Wasser. Als bewährte Absacker habe er drei Henkelmänner Schultheiß weggemacht, ist glaubhaft überliefert.
Mein Großvater erlegte einen Dornhai im Pazifischen Ozean und überlebte Felsen, Stürme, Wogen vor Kap Hoorn. »What shall we do with the drunken sailor« zunächst, anschließend stets »La Paloma«, seine Lieblingsshantys, sang ich als Knabe mühelos im Duett mit ihm.
Mein Großvater flanierte entweder per Daimler oder in einem Ardie-Gespann durch Breslau, die ewige Heimat, was er immerdar unterstrichen sehen wollte. Nach der Vertreibung in die Eifel, Zitat II, hielten mich die Eingeborenen für verrückt, weil ich fast täglich von Obermendig nach Andernach, Mayen, Neuwied oder gar in Richtung Sinzig unterwegs war. Stets Hamsterfahrten auf meinem zusammengeflickten Drahtesel. Die Familie wollte versorgt sein. Einstmals fanden ihn Kinder am Dorfausgang liegend. Vom Fahrrad gestürzt. Erinnerungen an Nachbar Mölder, der vorab mit zwei Liter Schwarzgebranntem zu Tisch gebeten hatte.
Mein Großvater arbeitete zeitweilig innerhalb des Klosterbetriebs Maria Laach. Als Stallbursche. Die Frau, der Enkel wollten versorgt sein. Einmal musste er versorgt werden – von Pater Pius, der ihn im Delirium auf dem Kutscherbock sichtete und vorsorglich die Letzte Ölung gab. Hernach maliziöses Schweigen aller geistlichen plus weltlichen Mitwisser zu dem Abtei-internen Vorfall.
Mein Großvater schämte sich anhaltend ob einer Alkoholvergiftung während der frühen Nachkriegsjahre in Langwege. Frau, Tochter und ihr uneheliches Baby wollten versorgt sein. Deshalb hatte er mitgebechert, von Tommies in der Britischen Besatzungszone dagelassenen Whisky. Ein Geflügel- und Schweinezüchter aus dem nahen Vechta stellte nur trinkfesten Flüchtlingen Heuer wie Hütte in Aussicht. Nachdem der Whisky vernichtet war, so Opa fortan süffisant, gab‘s lediglich Malzkaffee oder Hagebuttentee. Bestenfalls zu Erntedankfesten spendierte Bauer Ruhland exakt abgezählte Bierflaschen den Heuerleuten.
Mein Großvater, nie der Leberzirrhose verdächtig, wusste prinzipiell bis zu seinem späten Abschied von dieser Welt: Lieber zu viel essen als zu wenig trinken.
Meine Großmutter, zu früh gestorben, weilte des Öfteren im Hospital. Dann durfte Enkel Joachim zwischen ihre Laken ins Ehebett schlüpfen. Opa erzählte fabelhaft aus dem Dschungel, von der hohen See, von Maria Laach oder Mariacron. Du sollst einschlafen, seine stete Rede, bevor ich eingeschlafen bin.
Walter Arlt bleibt versorgt auf unabsehbare Zeit. Nicht nur, weil seine Grabplatte längst mein ganz persönlicher Hausaltar ist auf dem Ginsterhügel unseres Eifelgartens.











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Jochen Arlt
*1948 Dinklage, lebt als Journalist, Herausgeber und Schriftsteller in Köln und Houverath/Eifel. Bislang 30 Buchveröffentlichungen. Gründer KölnLiteraturPreis und Rheinischer Literaturpreis Siegburg. Zahlreiche Gedichte erschienen u.a. in Anthologien und literarischen Zeitschriften, wurden vertont, im Rundfunk wie Fernsehen gesendet. Rüdiger Fischer übertrug etliche Poeme ins Französische.
Gezieltere Informationen über den Autor:
nrw-literatur-im-netz.de



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