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Ohlsen-Auschwitzprotokolle

Birgit Ohlsen
Der Wuppertaler Auschwitz-Prozess (1986-88)

Ausgewählte Mitschriften
Paperback
144 SS.; 2015; EUR 12,00
ISBN: 978-3-943940-15-2


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Maske eines Biedermanns

Vom Oktober 1986 bis zum Januar 1988 stand der 1921 geborene Gottfried Weise als Angeklagter vor dem Wuppertaler Landgericht. Gegenstand des Verfahrens waren Tötungshandlungen, die der Angeklagte in dem von der nationalsozialistischen Führung während des Zweiten Weltkrieges in Südpolen errichteten Konzentrationslager Auschwitz im Jahre 1944 an Deportierten und Häftlingen des Lagers begangen haben soll.
Die Autorin hat den Prozess mitschreibend begleitet und legte neben der Dokumentation der Aussagen besonderes Augenmerk auf die Körpersprache des Angeklagten, der während der gesamten beschriebenen Zeit die Aussage verweigerte. Ob dieses Verfahren dazu geeignet ist, ein annähernd vollständiges Bild dieses mehrfachen Mörders in der Maske eines Biedermanns zu vermitteln, wird sich im Nachhinein zeigen.

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I. Anstelle eines Vorworts

Die erste Fahrt nach Auschwitz (1985)

Mehr als ein Vierteljahrhundert ist das jetzt her. Ich bemühe meine Erinnerungen, suche die Notizen zusammen, die ich mir damals gemacht habe. Ein schwarzer Koffer, der seit Jahren unter meinem Schreibtisch steht, darin ein paar Notizblöcke, lose Blätter, Bücher. Versuche ich also, mit dem noch Vorhandenen der Erinnerung einen Anschub zu geben. Im günstigen Fall wird es mir gelingen, aus Puzzleteilen ein annähernd Ganzes zu gestalten. Eine Quintessenz aus dem Geschehen zu folgern wird nicht möglich sein. Denn noch ist das Gespenst, das braune, das schon einmal seine vernichtende Spur durchs Land zog, nicht vergangen. Es ist mächtiger geworden, hat es den Anschein. Unfassbarer, bedrohlicher.
Die 1980er Jahre als Epoche des politischen Umbruchs, des persönlichen Aufbruchs. Zeit des Nachholens von Abschlüssen, des Studiums. Während des zweiten Studienjahres ergibt sich unverhofft die Möglichkeit einer Mitfahrt nach Polen. Ania O., eine Freundin, fährt mit ihrem alten Opel zu einem Verwandtenbesuch und hat noch einen Platz frei.
Eine zuweilen beschwerliche Fahrt führt uns nach langer Anreise über Autostraßen, die hin und wieder mit Pferdefuhrwerken zu teilen sind, in die Nähe unseres Ziels.
Eine Dunstglocke liegt über der Herbstlandschaft, der Kindheitsduft von Kartoffelfeuer mischt sich mit dem Gestank aus hohen Fabrikschornsteinen. Im Vorbeifahren genießen wir einen wunderschönen Sonnenuntergang. Noch stimmen die Farben, noch ist der Zugang zur Ästhetik unverstellt.
Kaum nähern wir uns Krakau, sind die Richtungsschilder mit der Aufschrift »Owicim« am Straßenrand nicht zu übersehen.
Der erste Tag unseres Aufenthalts in Bielsko-Biaa gehört am Morgen einer kleinen Führung durch die Stadt. Zwischendurch werden wir mit reichhaltigen und liebevoll zubereiteten Speisen schlesischer Hausmannskost bewirtet. Danach die Seilbahnfahrt in die nahen Beskiden. Welch eine Landschaft!
Am Sonntagmorgen geht die Familie in die Kirche. Auch dies ist Tradition. Danach fahren wir. Knapp 30 Kilometer bis Auschwitz, es ist eine kürzere Strecke als geglaubt.
Ein Kreis schließt sich bei der Vorführung des schwarz-weiß-Films über die Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee, der allen Besuchern gleich zu Beginn des Rundgangs vorgeführt wird. Ausgemergelte Überlebende sehen mit leeren Augen in die Kamera des Dokumentaristen, längst ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen aufgehoben. Kleine Kinder in viel zu großer gestreifter Häftlingskleidung krempeln im Kollektiv den linken Ärmel hoch und zeigen der laufenden Kamera ihre eintätowierten Lagernummern. Längst schon haben sie ihre Namen vergessen.
Wir sehen zurück auf das Tor. Es ist das bekannte eiserne Tor mit der Aufschrift ARBEIT MACHT FREI. Mirek, unser Gastgeber, macht uns auf den vergrößerten oberen Bogen des »B« aufmerksam. Von Häftlingen gefertigt, verbildlicht es einen viel zu eng geschnallten Gürtel. Seht her, Ihr, die ihr hinter die Fassaden schauen könnt. Seht her, wir verhungern, an Leib und Seele!
Welche Eindrücke sind von dieser ersten Fahrt nach Auschwitz geblieben? Diejenigen, die im Gedächtnis verhaftet sind, geben das Raster vor für das auch im Nachhinein Unbeschreibliche. Sich in flüchtiger Schrift übers Blatt kringelnde Sätze legen auch heute noch Zeugnis ab vom dem, was ich während der Besichtigung, im Weitergehen, in knappen Stichworten notiert habe.
Es waren meine persönlichen Eindrücke, Ähnliches kann man überall nachlesen, macht man sich denn die Mühe. Ich habe Fotos gemacht, ähnliche kann man überall ansehen, wenn man möchte. Vielleicht sieht man auf einem dieser Fotos die Vitrinen mit den abgeschnittenen Frauenhaaren, darunter lange Zöpfe, aus denen mit den Jahren die Farbe gewichen scheint. Daneben Schuhe in kaum auszudenkender Vielfalt: Von grob geschnitzten Holzklompen niederländischer Landleute über flüchtig abgestreifte Kindersandalen bis zu teuren Damenpumps aus Krokoleder zeugen sie von einer Herkunft, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnte.
Hinter weiteren Glaswänden zu willkürlichen Haufen getürmte Brillen: Nickelbrillen, Hornbrillen. Dazwischen fällt vielleicht, ein wenig verhakt, eine elegante weiße Damenbrille auf. Trug die Trägerin vielleicht keinen Judenstern auf ihrer Jacke? Wurde sie deswegen festgenommen und letztendlich mit dem Tode bestraft? Vor meinem inneren Auge spulen sich nicht enden wollende Sequenzen von Bildern ab.
In wandbreiten Reihen sehen den Betrachter die Abbilder starr in die Kamera blickender Menschen an. Kaum kann er ihnen ausweichen, schon wenden sie sich ins Profil. Getrocknete, aber auch frische Blüten beleben die Erinnerung an einst geliebte Menschen.
In einem anderen Block – ist dies nicht der Tatort von an Zwillingen vorgenommenen medizinischen Versuchen? – der klinisch rein erscheinende Raum mit den vielleicht in Kniehöhe eines Erwachsenen an den Wänden angebrachten Kinder-Waschbecken. Auf beigen Kacheln darüber necken sich fein gezeichnete spielende Kätzchen.
Ein gutes Jahr nach meiner Rückkehr aus Auschwitz begann der Prozess gegen den vormaligen SS-Unterscharführer Gottfried Weise aus Solingen.
Meine Entscheidung, die Verhandlung mitschreibend zu beobachten, lag auf der Hand. War ich vor Ort, so legte ich besonderes Augenmerk auf die Körpersprache des Angeklagten, der während der gesamten beschriebenen Zeit die Aussage verweigerte. Ob sich dies Verfahren dazu eignet, ein annähernd vollständiges Bild der Persönlichkeit dieses mehrfachen Mörders in der Maske eines Biedermanns zu vermitteln, wird sich bestenfalls im Nachhinein zeigen.
Berlin, im Mai 2015
Birgit Ohlsen






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Info:
Birgit Ohlsen
Germanistin und unabhängige Autorin.
Lebt und schreibt in ihrer Wahlheimat Berlin und ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS).


Webseite:
wupperwort.de















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