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Karl Otto Mühl
Die Erfindung des Augenblicks
Neue Geschichten aus dem Stehcafé

2012, Taschenbuch
152 S., Euro 12,000
ISBN: 978-3-935421-84-3

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Die Forsetzung des erfolgreichen Geschichtenbandes
Karl Otto Mühls Geschichten aus dem Stehcafé erzählen aus dem echten Leben. Sie sind schön, diese Geschichten, sie sind schräg, auch oft sehr traurig und nachdenklich. Sie erzählen von den unterschiedlichsten Menschen, die das Stehcafé bevölkern. Und davon, dass es sie wirklich noch gibt, die Momente des Glücks.



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Neue Stehcafé-Geschichten

Noch ist die Straße still, an der die Bäckerei liegt. Die schweigsame Frau, die an jedem Morgen hier eine Zeit lang draußen hin und hergeht und drinnen zum Schluss zwei Brötchen kauft, kommt gerade heraus und nimmt ihren kleinen Hund vom Mauerhaken.
Alles kann so bleiben wie es ist, still und sonnig, das ist angenehm, aber andererseits soll möglichst etwas passieren, das ist auch klar. Aber, wie auch immer wir es ansehen, das Ende wird uns nicht gefallen, fällt mir ein – wie oft in ruhigen Augenblicken. »Am Schluss kriegen sie jeden bei den Hammelbeinen«, hat gestern ein Kaffeetrinker neben mir gesagt. Kein fröhlicher Gedanke zum Tagesanfang, doch alle trüben Gedanken hier tragen das Etikett »Noch nicht«. Mit diesem Trost muss man sich wohl zufrieden geben.
Jetzt gehört der Dreieckstisch, auf dem ich die Zeitung ausbreite, noch mir allein, doch es bleibt nicht lange so.
Ich werde hinweggeschwemmt vom Ansturm meiner Kaffeegesellen in Blau, Schwarz und Grün: Rohrleger, Tapezierer, Dachdecker, Straßenbauer und Gärtner, alle auf einmal.
Sie alle drängen sich hier auf weniger als zehn Quadratmetern Verkaufsraum um unseren Dreieckstisch, stehen vor dem Schaufenster, sitzen in den aufgestellten Aluminiumsesseln auf dem Gehsteig. Ich lasse mich nicht vertreiben, stehe wie schon oft inmitten von lauter Muskelmännern, von denen ich die Hälfte schon lange kenne. Auch ihnen bin ich schon länger kein Fremder mehr.
Nun komme ich nicht mehr zum Nachdenken. Ich werde aufgesogen von Gesprächen, Eindrücken, Empfindungen; ich gehöre dazu.
Ich bin gefesselt von dem Bericht über einen Bodybuilder, der vor Gericht steht, und zwar wegen Drogendelikten. Gleich schreite ich zu seiner Verteidigung, zur Verteidigung eines Schwächeren, wie ich zu fühlen meine – wem hat er denn wirklich Leid zugefügt? Also, das ist doch keine Frage! Rauschgifthandel.
Aha. Dealer. Ja dann ...
Einer kennt einen, der hat Diabetes von den Anabolika bekommen.
Dann allerdings.
»Der Kerl kriegt bestimmt keine Kinder mehr«, meint ein anderer. Ich horche auf. »Kampfsport? Tritte in die Leistengegend?«, will ich wissen. »Hat er es dadurch?«
»Unsinn. Dieses Zeug macht die Dinger kaputt.« »Dann müssen wir sofort damit aufhören«, sage ich todernst, und alle lachen. Zwei Lebensjahre will das Gericht ihm wegnehmen, denke ich mitleidig. Wo er doch schon geschädigt ist. Die Leute hier müssen es ja wissen, zumal ein Kampfkunst-Sportler neben mir steht. Aber der blickt heute nur versonnen vor sich hin.
Jetzt sagt er etwas: »Der Mann leitet auch einen Verein.«
Wir haben wieder ein Thema. Die Vereine seien selbst schuld, dass ihnen die Mitglieder davonliefen. Sie hätten keine eigenen Räume, keinen Ort, wo sich die Mitglieder zu Hause fühlten.
Das stimme zwar, werfe ich ein, aber die Gründe lägen tiefer. Früher seien von den Vereinen geistige Impulse ausgegangen – und ohne die verkäme der Sport zum Jahrmarkt –, sie hätten längst nicht mehr das Gefühl, etwas Wichtiges und Gutes zu tun. Die Vereine hätten einmal für Befreiung, Emanzipation und Aufklärung gestanden, für den Patriotismus des Turnvaters Jahn, der allerdings ein Antisemit war, aber immerhin, sie hätten auch mehr getan, als nur die Knochen bewegt.
Achtungsvolles Kopfnicken.
»Auf jeden Fall hat der Nationalspieler Philipp Lahm geheiratet«, erwähnt jemand unvermittelt.
»Meinen Segen hat er«, sagt der Kampfkunst-Meister neben mir.
Na? Hat er etwas dagegen?
»Überhaupt nicht«, behauptet er. Er sei ja verheiratet, lebe aber getrennt. So sei er ziemlich glücklich. »Alles Quatsch«, sagt mein Nebenmann leise zu mir. »Der hat doch immer das Gefühl, auf etwas zu warten.
« Er wischt sorgfältig einige Krümel vom Tisch.
»Gut erzogen«, sage ich. Ich meine die Krümel.
»Immer schon. Von zu Hause.«
Ich stimme ihm zu.
»Man muss sehen, dass man gut miteinander auskommt und sich aufeinander verlassen kann«, fährt er fort.
»Mit der Ehefrau? Ist das Ihr Ernst?«, frage ich. Echte Männer lästern schließlich lieber, damit rechne ich hier.
Das sei sein Ernst. »Prima«, sage ich. Ich dächte das auch. Wieder wischt er sorgfältig über die Tischplatte, auf der längst keine Krümel mehr liegen. »Jetzt muss mit dem Wischen Schluss sein«, sage ich. »Es ist alles sauber.«
»Ja, ja«, sagt er. »Schrecklich. Zu Hause mache ich das auch immer.«
Ich mache mich auf den Weg in den Wald, der zweihundert Meter weiter beginnt. Noch strotzt er vor Grün, Sonnenlicht fließt in seine dunklen und dämmernden Ritzen; der Wald wird mir das Gefühl geben, an seinem Reichtum teilzuhaben.




Vor Monaten ist er mir einmal begegnet, der entfernter wohnende Nachbar, den ich für mich immer den knochigen Stummen nenne.
Sein Gesicht ist nämlich knochig, aber deswegen ist er nicht hässlich; im Gegenteil, er ist ein kräftiger, gutgewachsener Mann.
Ich war damals stolz, dass ich ihn bis zum Grüßen gebracht hatte, aber damit habe ich mich für lange Zeit zufriedengeben müssen. Doch heute, als ich zu einem kurzen Morgenkaffee in der Bäckerei am Waldrand einkehren will, entdecke ich ihn plötzlich wieder. Er sitzt vor dem Schaufenster an einem Tisch im Freien, und ich setze mich auf den leeren Platz neben ihm.
Er beginnt sogar ein Gespräch mit mir, es geht ums Wetter-Genießen. Ich hake ein: Hat er Ferien? Die Kurzarbeit ist doch allgemein vorbei?
Nein, es ist ganz anders. Er ist arbeitslos.
Au weh. Mein Blick fällt auf seinen Opel Tigra am Straßenrand. Den leistet er sich also noch. Ich weiß, er fährt ihn schon lange. Der Wagen ist gepflegt.
Auf meine Frage antwortet er, dass er Maschinenschlosser sei – klar, es gebe Stellen. Aber er sei jetzt dreiundsechzig, da könnte es schwer werden, etwas zu finden.
Ich hatte ihn für jünger gehalten.
Er möchte ja aufhören mit dem Arbeiten, aber seine Rente werde verdammt knapp ausfallen. Er habe »nicht hoch geklebt«.
Vielleicht braucht er einen Zusatz-Job?
»Ja, kann sein«, antwortet er. Aber zunächst habe er ein anderes Problem.
»Welches?«
Als er noch arbeitete, ging es ja, sagt er. »Aber jetzt bin ich den ganzen Tag allein. Ich suche eine Frau.«
Da bin ich erstaunt. In all den Jahren bisher habe ich ihn viele Male aus seinem Haus gehen sehen und wiederkommen, aber nie war eine Frau in der Nähe. Doch, einmal war eine alte Frau bei ihm, die er später in sein Auto steigen ließ. Vielleicht die Mutter, die er nach Hause fuhr. Was für Gefühle wird er für sie, wird er für Frauen haben, von gängigen Männerfantasien abgesehen? Hat er Angst vor ihnen, fürchtet er Ohnmacht oder Versagen? Glaubt er nicht gut genug zu sein? Oder – fürchtet er Aufdeckung? Dass von einer Frau plötzlich etwas an ihm bemerkt wird, was er selbst nie sehen wollte, ein Stachelkleid, das dem eigenen Blick verborgen bleibt?
Plötzlich tut er mir leid. Ein schwerfälliger Mann, sparsam mit Worten, unfähig, über Gefühle zu sprechen. Welches Wunder müsste geschehen, damit jemand das Liebenswerte an ihm entdecken könnte?
Ob er denn schon einmal verheiratet war?
Nein. Das gerade nicht.
Diese Tatsache scheint ihm überhaupt nicht verdächtig zu sein. Ich will ihn aber nicht ausfragen, diese Rolle will ich mir nicht anmaßen. Er hat es ja schon gesagt, er merkt halt erst jetzt, dass er mit jemand reden möchte. Das ist das Wunderliche, nämlich, dass es so lange gedauert hat bei ihm. Und in mir entsteht ein Monumentalbild, ein wüsteneinsamer Mann mit hoffnungslosem, knochigen Gesicht, der im prallen Sonnenlicht steht und nach Nähe hungert.
Er wird nicht wissen, woran es lag, denke ich. Bis er sich mit jemand über seine Einsamkeit verständigen kann, bis dahin ist es so weit wie von hier nach Grönland.
Er solle mir unbedingt berichten, wie es nun weitergehe mit ihm, sage ich. Mehr fällt mir nicht ein.
Er nickt ernsthaft.





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