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Karl Otto Mühl
Die alten Soldaten

Roman.
Paperback, 216 S., EUR 15,00
April 2009
ISBN 978-3-935421-22-5

Sie haben sich eingerichtet im Leben danach, die alten Soldaten, doch nicht bei allen ist alles vorbei. Caspers bewegt sich durch ein gedämpftes Leben, eine unaufgeregte Karriere und durch die Erinnerungen, bis ihn in den späten 1960er Jahren Patrick, der Kommandant seines Kriegsgefangenenlagers, der zum Freund geworden ist, besucht, ihn und die alten Soldaten.
Niemand ahnt, dass es ein letztes Wiedersehen sein wird und ein neuer Aufbruch für Caspers.

»Die alten Soldaten« beendet Karl Otto Mühls Trilogie, die mit »Nackte Hunde« die Jugend im Dritten Reich, Kriegseintritt und Gefangenschaft, in »Siebenschläfer« Heimkehr und Neuanfang beschrieb. In Caspers später Suche nach Erfüllung legt Mühls nüchterne doch eindringliche Sprache die Verletzungen der Seele bloß, die der Krieg dem Menschen bringt ...
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Leseprobe: Die alten Soldaten
Bio-/Bibliographie Karl Otto Mühl




Leseprobe

Die alten Soldaten
1964

Der Arzt in Tirschenreuth hatte lange nicht erkannt, dass die Mutter Krebs hatte. Er hatte nicht einmal den Darmverschluss mit seinen drohenden Konsequenzen diagnostiziert. Caspers wusste damals noch nichts darüber. Der Arzt kam zweimal in dieser entscheidenden Woche, meinte, das Fieber sei schon etwas zurückgegangen, und ging. Um einen möglichen Darmverschluss hatte er sich nicht gekümmert, obwohl er von den Bauchbeschwerden wusste.
Das Fieber blieb, auch ihr Gesicht behielt die rosige Färbung. Sie klagte nicht, sie lächelte, wenn Caspers ins Schlafzimmer kam. Caspers ahnte zum ersten Male, dass sie diesmal sterben würde. Gedanken, die er vorher nie gehabt hatte, stellten sich zwischen den Augenblicken der Verzweiflung ein. Sie hat das Recht, zu sterben. Du darfst dich schon um ihretwillen nicht an sie klammern. Es ist nichts Ungewöhnliches, was da geschehen wird, es ist das Gleiche, was auch eines Tages mit dir passieren wird, auch du wirst sterben. Unerwartet brachte dieser Gedanke Trost, die Katastrophe wurde überschaubarer. Für Caspers war es dennoch immer noch unmöglich zu glauben, was da geschah.
Schließlich veranlasste der Arzt die Einweisung ins Krankenhaus. Das geschah am Morgen. Als sie dort in ihr Zimmer gefahren worden war, traten ihr Mann und ihr Sohn zu ihr. Wieder lächelte sie. Sie war den Ärzten dankbar.
"Hier fühle ich mich sicher", sagte sie zufrieden.
Mittags wurde sie operiert. Vater und Sohn warteten in der Nähe des Operationssaales, bis sie herausgefahren wurde. Während man sie über den Gang schob, trat der Arzt zu den beiden Männern.
"Wie lange noch?"
"Vielleicht einige Stunden, vielleicht ein Tag", war die Antwort.
Nachmittags erwachte sie langsam. Mann und Sohn saßen an ihrem Bett. Sie habe keine Schmerzen, sagte sie, und zur Schwester: "Bringen Sie meinen Männern doch etwas zum Trinken."
Der Arzt hatte den beiden gesagt, man habe ihr ausreichend Schmerzmittel gegeben. Vielleicht half ihr das bei ihrem Lächeln, unter dem die nächsten Stunden verflogen.
Sie saßen stumm an ihrem Bett.
Neben Willy Caspers der alternde Vater, der das Licht seines Lebens verlieren sollte, der jetzt nichts mehr hatte als die dürftige Solidarität seines Sohnes. Als sie zu atmen aufhörte, küsste Caspers sie auf die Stirn und sagte: "Liebe Mama."
Er meinte, sie hätte unmerklich gelächelt. Später dachte er, sie hat mich wirklich gehört, und ich hätte doch noch länger an ihrem Bett aushalten sollen. Jetzt ist eine andere Welt um mich herum. Sie war die Welt, die mich kannte, nur sie. Später las er irgendwann in einem Buch: "Den Tod seiner Mutter verwindet ein Mann nie."

Das Café in Friedhofsnähe war groß genug für die etwa zwanzig Trauergäste, Verwandte und Nachbarn, die sich zum Leichenschmaus versammelten. Der Sohn war nicht wirklich verzweifelt. Sie litt nicht mehr, sie und die beiden hatten keine Angst mehr, und beides hatte Willy Caspers immer am meisten für sie und sich gefürchtet. Es war geschehen, es musste sein.
Einer war dennoch hilflos und verzweifelt, der Vater. Caspers sah ihn in den nächsten Wochen täglich zum Friedhof gehen, traf ihn auch einige Male am Grab. Er saß auf einer Bank in der Nähe.
Mit ihm konnte er jedoch nicht über sie sprechen, sie trauerten getrennt. In irgendeinem Zusammenhang sagte der Vater einmal, er werde nie mehr einen solchen Menschen finden, und nie mehr werde er mit jemand so vertraut sein. Solche Worte hatte Willy Caspers in der Vergangenheit nie von ihm gehört.
Morgens lag der Vater lange im Bett, vergraben ins Kissen. Er wusste, wenn er den Kopf heben würde, würde es ihn wie ein Hammerschlag treffen: das fiebrige, rosige, haarschopfverklebte Gesicht war nicht mehr neben ihm, würde nie mehr dort sein. Die Welt hatte keinen Haltegriff mehr, er konnte nur noch ins Bodenlose stürzen.
Caspers hatte erlebt, wie die Eltern sich vor langen Jahren einmal gestritten hatten. Die Szene vergaß er nie. Der Vater war immer heftiger geworden, beschimpfte die Mutter, demütigte sie mit Worten. In diesen Augenblicken hatte sich Caspers geschworen, niemals im Leben in eine Situation zu kommen, in der er wie die Mutter jetzt von einem Menschen abhängig war und von ihm gedemütigt wurde, oder wo er vielleicht um Geld für sich, die Kinder oder den Haushalt bitten musste. Man durfte nicht heiraten. Dieser Entschluss begleitete ihn.

Am Morgen nach dem Aufstehen trat Caspers ans Fenster seines Zimmers im Bahnhofshotel und blickte hinaus in die Holz-, Sägewerk-, Wald- und Wiesenlandschaft. Er prüfte sich, wie er die Welt nach diesem Verlust ertragen würde. Da war auch ein Gefühl, jetzt habe er es hinter sich, den Verlust der Mutter; gestorben sei nun genug, jetzt müsse erst einmal für lange Zeit Ruhe einkehren. Oder doch nicht? Würde nicht auch für ihn diese unendliche ferne Zukunft, in der sein Tod ihn erwartete, Gegenwart werden? Auf dem Sterbebett, das aus dem Krankenzimmer gefahren wurde, in einen Abstellraum, und von da wieder hinaus in eine Welt, die schon eine Geisterwelt war, mit der lächelnden, weinenden Mutter am Ausgang. Und erst dieser Augenblick würde der Abschied von ihr sein.
Der Himmel hatte die Farbe hellblauer, blasser Tinte, dazwischen waren weißliche und graue Streifen. Wenn Caspers wollte, konnte er die Welt jetzt reinlich und einfach finden, vielleicht war sie sogar leichter zu ertragen als in der Zeit bei der sterbenden Mutter. Caspers war aus Bonn angereist, um in dieser Zeit bei seiner Mutter zu sein.

Nun waren es schon fast zwei Jahrzehnte, seit er die Heimatstadt verlassen hatte.
Im Krieg war Caspers Soldat gewesen, war lange fort, kam aus amerikanischer Gefangenschaft zurück, studierte, wobei er in Münster bei Onkel Moritz wohnen durfte. Er hatte studiert, von Onkel Moritz, dem Bruder der Mutter mit regelmäßigen Zahlungen unterstützt. In Münster hatte er Freunde gefunden.
Nach dem Studium hatte er Arbeit als Assistent und Sekretär bei einem Bundestagsabgeordneten bekommen. Das war ein armseliger Job, wohl nicht offiziell, aber der Abgeordnete war der Meinung, er tue schon sehr viel für den schüchternen, zartgliederigen jungen Mann, wenn er ihn in einem seiner Turmzimmer wohnen ließ (zu seinem Haus gehörte ein alter Turm), und vor allen Dingen, indem er ihn bei manchen politischen Gesprächen mit Parteifreunden zuhören ließ. So lernte er, wenn auch nur oberflächlich, in einem gänzlich anderen Umfeld zu leben und zu denken als bisher. Den Lehrerberuf, an den Caspers ursprünglich gedacht hatte, traute er sich nicht mehr zu. Bei aufsässigen Schülern wäre er hilflos verstummt, das ahnte er. Er war auch mit seiner jetzigen, sehr unselbstständigen Arbeit nicht zufrieden, aber er sah keine Alternative. Zwei Tage nach der Beerdigung fuhr er zurück nach Bonn.
In seinen oft ungewöhnlichen Arbeitsstellen, als Sekretär bei dem Bundestagsabgeordneten, als Hauslehrer bei den unerziehbaren Söhnen einer Essener Industriellen, und als Aushilfskraft in einem kleinen Antiquariat, verdiente er immer sehr wenig Geld, und schickte von dem wenigen Geld immer noch monatlich eine Rate an Onkel Moritz.
Wer manchmal mit seinen Briefen Leben von Caspers auftauchte, das war Patrick. Patrick, der freundlich lächelnde Camp Commander, der das Gefangenenlager bei den Niagarafällen kommandiert hatte; und der, inmitten der Kriegs-Düsternis, in Caspers die Hoffnung auf ein Leben erweckt hatte, das genau so freundlich lächelte wie er, der Kommandeur. Er hatte ihm schon kurze Zeit nach dem Krieg geschrieben, anscheinend hatte er sich aus dem Register im Camp die Privat-Adresse von Caspers und anderen notiert. Ein vorausschauender Mensch, hatte Caspers beim Empfang des ersten Briefes gedacht.
Patrick, der Lebenskünstler, wenn man seinen Briefen glauben konnte.
Caspers genoss seine Briefe. Patrick war in Mexiko, Patrick war in Ulan Bator, Patrick hielt Vorlesungen über irische Folklore - von dort kamen seine Vorfahren - Patrick hatte eine wundervolle Verlobte, Kathleen; Patrick war glücklich, wenn er mit seinen Studenten zusammen war, Patrick wollte mit der Theatergruppe ein neues Stück inszenieren. Caspers möge ihm dazu einen Rat geben, er schätze sein Wissen und sein Urteil sehr. Auch als Caspers seinen Eintritt ins Presseamt überlegte und in einem Brief erwähnte, man biete ihm dort durch Vermittlung eines Freundes eine Stelle an, äußerte Patrick in seinem Brief Zustimmung und Sympathie.
Er habe vorher nichts sagen wollen, aber jetzt sei es klar und erfülle seine kühnsten Hoffnungen, Caspers schlage den Weg ein, den er immer schon für ihn vorausgesehen habe. Der Aufstieg habe begonnen. Sein Herz sei bei dieser Nachricht vor Freude gehüpft. Patrick war immer begeistert, fand Caspers, ob er nun Anlass dazu hatte oder nicht.

1968

Dass Caspers nun im Bonner Presseamt einen Heimathafen gefunden hatte, und dafür wurde es bei seinem Alter Zeit, das verdankte er seinem Studienfreund Otto. Im Amt wurde gute, präzise Arbeit erwartet, und die leistete der stille, junge Oberpfälzer. Es war der rechte Platz für jemand, den es nicht an irgendeine Spitze drängte. Man konnte auch stolz auf den Chef sein, er war schließlich der Regierungssprecher. Es dauerte lange, bis Caspers einige Freunde fand. Am schnellsten wurde er mit seinem Landsmann Michael aus Tirschenreuth vertraut, den er hier wiedergetroffen. hatte. Michael hatte sein Studium ebenfalls hinter sich.
Obwohl es einmal eine Jungenfreundschaft gewesen war, schien es jetzt manchmal schwer, mit Michael die wichtigeren Dinge, zum Beispiel Liebesprobleme, zu besprechen. Michael sprach lieber über Politik. Zurzeit beschäftigten ihn am meisten die Notstandsgesetze, die das Parlament verabschiedet hatte. Sie seien ein Schritt zu einem Militär- und Polizeistaat, meinte er.

In einem grauverputzten Nachbarhaus wohnten sogenannte sozial schwache Familien, häufig säumige Mietzahler. Darunter war eine Familie Klüser; sie hatten drei Kinder; aber nicht dies war auffällig, sondern, dass alle ziemlich kleinwüchsig waren, mit kurzen Hälsen, kleinen, dunkelbraunen Augen, die Gesichter faltig. Wenn man mit ihnen sprach, vergaß man diesen Eindruck bald - so ging es Caspers -, stattdessen weckte ihre wehrlose Offenheit Sympathie. Es waren gutmütige Menschen.
Der vierzehnjährige Sohn, Alfred, hatte sich einmal angeboten, Caspers Fahrrad zu reinigen. Er tat dies am frühen Sonntagnachmittag im Hinterhof. Er arbeitete mit Feuereifer, putzte, wienerte, spritzte Öl in die Naben, stand auf, trat zurück, vor, zurück, prüfte sein Werk mit Blicken, blickte Zustimmung heischend zu Caspers hinüber und bedankte sich kurz und lakonisch für das angebotene Geldstück. Alfred verriet wenig von seinen Empfindungen, seine Äußerungen gingen fast immer nur in die Richtung, ob etwas richtig, falsch, sachdienlich oder nicht war. Als er Caspers fragte, was er nunmehr an diesem Sonntagnachmittag zu tun gedächte, verriet er keinerlei persönliches Interesse.

Es klang eher so wie ein Schaffner nach dem Fahrziel fragt.
"Leben Sie also allein?"
"Ja. Ganz allein."
"Aha. Aber Ihr Vater arbeitet noch?"
"Nein. Er ist in Rente."
"Aha. Meiner noch nicht."
Caspers glaubte nicht, dass es wirklich dies war, was Alfred interessierte. Vielleicht ging es ihm darum, mit jemand zu sprechen und Antworten zu bekommen, und nur darum. Dass ein Vierzigjähriger wie Caspers allein lebte, war ihm sicher gleichgültig, ja, sogar bedeutungslos.

In Caspers, der mit ihm jetzt in der menschenleeren, von Sonnenlicht und düsteren Schatten erfüllten Vorstadtstraße stand, wollte er einfach den Kontakt mit einem Menschen verlängern, die erreichte, bescheidene Nähe beibehalten. Caspers, der an diesem nichtsnutzigen Nachmittag auch nichts Besseres wusste, als in Richtung der Sieg zu spazieren, stimmte zu, als Alfred fragte, ob er ihn begleiten dürfe.
Alfred hatte die Grundschule mit viel Mühe und der Nachsicht der Lehrer durchlaufen, aber keine Lehrstelle gefunden. Sein Vater war Tiefbau-Arbeiter, die Mutter arbeitete in einer Werksküche. Während des Spaziergangs stellte Alfred weiterhin Fragen zu Familie und Beruf. Caspers versuchte herauszufinden, woran es bei Alfred lag, dass ihn keine Firma haben wollte.
"Was denkst du denn, warum die dich abgelehnt haben?"
"So für die Lehre, meinen Sie?" fragte Alfred unbeholfen. Caspers nickte.
"Ach, die fragen manchmal so komisch, ich weiß auch nicht. Wenn ich dann sag, ich kann wirklich arbeiten, ich reparier auch zu Hause die Sachen, sonst, da hätten wir ja gar kein Geld für, dann gucken die schon komisch. Die glauben das einfach nicht."
"Du kannst Sachen reparieren?"
"Ja! Sogar elektrische. Wissen Sie, die halten mich einfach für ein bisschen bescheuert, als hätt' ich 'nen Klaps, verstehen Sie. Und dann bin ich ja auch ziemlich klein."

Caspers beschloss, sich wegen einer Lehrstelle umzuhören. Hier konnte Gutes bewirkt werden, hier würde er Helfer sein können.
Alle möglichen Verdächtigungen, er, ein gelangweilter alternder Junggeselle liefe mit dem kleinen Alfred herum, oder, Schlimmeres noch, er sei ein Pädophiler, sie würden weggewischt sein.
Er erklärte Alfred, worauf es nach seiner Meinung im Berufsleben ankam. Alfred hörte mit großem Ernst zu, als Caspers ihm die Managerqualitäten vor Augen hielt: Durchsetzungsvermögen, aber leise vorgetragen, große Sachkenntnis, blitzschnelles Handeln - und mehr solcher Tugenden. Caspers spürte Zufriedenheit, es war doch menschlich von ihm, schließlich tat er Gutes, er opferte seine Zeit.
Er übersah hartnäckig die Tatsache, dass er dies alles gleichzeitig für eine lächerliche Situation hielt: Ein Mann, nicht mehr jung, unverheiratet, mit nichts befasst als mit sich, und damit, sein Brot in einer Behörde auf einem mittleren Posten zu verdienen, dieser Mann ging aus lauter Langeweile sonntags mit einem Vierzehnjährigen spazieren.
"Und Sie?" fragte Alfred. "Sind Sie so zufrieden?"
"In meinem Beruf?"
"Ja, Sie sind doch so was Höheres."
Nun, das ginge so, etwas Besonderes sei er nicht. Aber natürlich gäbe es da noch Pläne. Vielleicht wolle er demnächst nach Amerika. Er kenne da jemand.
"Mit dem Sie verwandt sind?"
"Nein. Ein Freund. So ein amerikanischer Offizier."
"Ach so, so´n Soldat? Die haben ja viele davon."
Ja, ein Freund lebe dort, Oberstleutnant der Reserve. Er werde bald einmal zu Besuch hier hin kommen. Mit dem wolle er zukünftige Unternehmungen planen. Was er zurzeit mache, sei nur vorläufig.
"Sie haben aber jetzt auch 'nen guten Posten? Den sollte man nicht aufgeben." Ja, aber man müsse weiter planen, versuchte Caspers zu erklären. Alfred stieß keine Laute der Bewunderung aus, er verriet auch nicht, ob er diese großspurigen Ankündigungen für glaubwürdig hielt, sein Gesicht blieb unbewegt. Er verstand auch nicht, was ein Amerikaner hier machen sollte.
Caspers könne ihm natürlich viel über Deutschland erzählen, er wisse ja sicher über alles gut Bescheid.
Plötzlich überkam Caspers das Gefühl, er müsse rasch weg von hier, weg aus diesem bedrückenden, nutzlosen Nachmittag mit einem Jungen, der ihn betrachtete, ohne ihn zu verstehen. Er verabschiedete sich.

Was ist nur mit dir? fragte er sich. Andere haben es weiter gebracht. Sie haben Familien. Du bist ein Idiot, einer, der nicht mitmachen will. Die Kameraden, mit denen du dich in Kriegszeiten angefreundet hattest, sie sind überall verstreut, sie sind nicht zu sehen, aber sie sind etwas geworden. Du bist nichts und du hast niemanden. Das hast du damals nicht geahnt- es war nicht alles schön, damals, aber so ein erbärmliches Nichts wie heute warst du nie! Wahrscheinlich hast du gemeint, dass die Heimat sehnsüchtig auf dich wartet, das war es.
Als Caspers wieder in seiner Wohnung war, dachte er immer noch an Alfred und dessen Familie. Er empfand sie als bedauernswert, am Rande der Gesellschaft, ohne Zukunftshoffnungen in einem langweiligen, eng begrenzten Leben gefangen.
Er fragte sich nicht, ob sie sich auch so sahen.
Er überlegte, ob er sich schon genug vor dergleichen gefürchtet hatte, vorsichtshalber. Es verhinderte eine Vielzahl von möglichen Unglücken, hatte er gemerkt, wenn man sich ausreichend fürchtete. Er hatte schließlich viele Dinge gefürchtet, und sie waren dann nicht eingetreten. Ich bin besser dran als der kleine Alfred. Für den hält das Leben wahrscheinlich nichts bereit.
Trost brachte dieser Gedanke nicht, im Gegenteil, ein kleiner Teufel stand auf und begann zu reden: "So schlimm ist es nicht für Alfred. Er merkt es vielleicht nicht einmal. Gut, dass es hauptsächlich solche trifft."
Caspers vermied weitere Spaziergänge mit Alfred. Er sprach mit ihm, wenn er ihn auf der Strasse traf und - sein Freund Krämer mit seinen Firmenbeziehungen vom Zollamt aus hatte dies erreicht - er verschaffte ihm eine Lehrstelle.
Alfred verlor er bald aus den Augen. Er begegnete ihm lange nicht mehr.



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