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Benita Glage
Einsamkeit: gefürchtet - durchlitten - verwandelnd:

Zwölf Porträts

November 2011, Euro 15,00 [D]
Paperback, 188 S.
ISBN: 978-3-935421-76-8


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Wege aus der Einsamkeit

Anhand von zwölf Porträts schildert Benita Glage Erscheinungsformen der Einsamkeit - vielfältig und unterschiedlich, in allen Altersstufen. Es werden keine Einzelschicksale dargestellt, sondern sie stehen für viele Menschen in unseren postmodernen Welten.Einsamkeit kann im Laufe eines Lebens immer wieder auftauchen, kann einen Menschen förmlich überfallen. Die Autorin deutet Einsamkeit als Wachstumskrise, als Übergang zu neuen Ufern.Einsamkeit kann aber eine Wandlung unterstützen, bisweilen auch auslösen.Einsamkeit als tiefe Quelle, um zu sich selber zu finden: was für ein Gegensatz zum gängigen Verständnis!Benita Glage zeigt in den geschilderten Lebens wegen Möglichkeiten auf, diese Lebenskrise zu meistern.

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Leseprobe



Zur Einstimmung


Mir vertraute, meist ältere und alleinlebende Zeitgenossinnen fragen mich: »Woran arbeitest du gerade?« Und wenn ich dann antworte: »Am Thema Einsamkeit«, entsteht kurz ein beredtes Schweigen und danach kommt der Satz, fast aufatmend: »Allein­sein ist ja nicht einsam sein!« So, als wollten sie einen eben gefühlten Schrecken in sich besänftigen:
Mit meinem Thema gerate ich offenbar in eine Tabuzone.
»Aber tut sich nicht zuweilen im stillsten Allein-Sein eine unvermutete Pforte auf? Kann sich nicht der Verkehr mit sich selbst in einen Verkehr mit dem Geheimnis verwandeln?«
Was für ein Gegensatz zu dem gängigen Verständnis von Einsamkeit! Den Umgang mit sich selbst in die Berührung mit dem Geheimnis verwandeln! Einsamkeit als tiefe Quelle, um zu sich selbst zu finden. Nur ein Schönreden – oder? (Mehr dazu im letzten Kapitel »Von der Kraft aus der Einsamkeit«)
Angeblich leiden besonders alte Menschen unter Einsamkeit. Stimmt das wirklich? Oder meinen die wohlwollenden Zeitgenossen nicht eher eine soziale und emotionale Isolation im Altwerden, die schmerzhaft sein kann, so sehr, dass sie die Wahrnehmung des eigenen Selbst betäubt?
Der mögliche, innere Gewinn des Allein- und Einsamseins bleibt bei solcher Art der Betrachtung verschlossen.
Was meinen die älteren, mir vertrauten Frauen, die das Phänomen Einsamkeit für sich in Anspruch nehmen? Was meinen sie konkret? Nicht – oder nicht mehr – gebraucht sein, in keinen bestimmten sozialen Rhythmus eingebunden sein? Herausgefallen aus dem Familiengefüge, ohne vertraute Aufgaben sein? Ohne einen Menschen sein, für den frau da ist?
Aber wann, wenn nicht jetzt im Älterwerden, kann Eins-Samkeit erfahren und neu gefüllt werden mit Selbstsubstanz?
Einsamkeit kann im Verlauf des Lebens eines Menschen immer wieder auftauchen, kann ihn förmlich überfallen. Nach meinem Verständnis ist sie stets ein Hinweis auf eine Wandlung, die ansteht.
Jedoch als andauernden, sich selber verfestigenden Zustand halte ich Einsamkeit für nicht »menschenwürdig«.
Ich möchte Einsamkeit als Wachstumskrise, als Übergang zu neuen Ufern schildern – anhand von zwölf Charakteren, denen ich einen Namen verleihe, die aber nicht als Einzelpersonen zu verstehen sind. Sie stehen für viele Menschen in unseren Zeiten und unseren postmodernen inneren Welten.


Anna

Das Kind zögert – soll es – soll es nicht? An der Balkontür bleibt es stehen. Es hält eine Puppe unter dem Arm, mit der linken Hand ein Kinderstühlchen. Um die Tür zu öffnen, müsste es den Stuhl abstellen und die Puppe in die andere Hand nehmen. Es steht und wartet. Eigentlich hat es unten spielen wollen, auf der Straße, dort, wo die Kastanien wachsen. Große, schattenspendende Bäume mit einem kleinen Erdrand um den Stamm. Nur eine Andeutung von Erde in dem gepflegten Bürgersteig. Da unten kann es Murmeln oder Kreiseln spielen. Da unten! Dort, wo die anderen Kinder sind. Da ist Leben. Es darf aber heute nicht nach unten. Heute ist Verbotstag. Heute soll es oben bleiben, hat die Mutter gesagt. Oben im zweiten Stock, in der großen, stillen Wohnung mit den leisen Tönen. Das Esszimmer hält weihnachtliche Lieder bereit und während des übrigen Jahres ein unhörbares Summen. Alle Jahre wächst neben der Balkontür der Weihnachtsbaum zu seiner stattlichen Höhe hinauf, bis zu dem silbrigen Stern auf der Spitze, unübersehbar. Lichtfülle. Das Kind erinnert sich. Weihnachten liegt noch nicht lange zurück, nur wenige Monate. Wie lang können Monate sein, wenn man gerade fünf Jahre alt geworden ist?

Weihnachten, alle Herrlichkeit der Welt, ach, des Lebens überhaupt ist dann hier in diesem Zimmer versammelt. Ein Zimmer von sechs Zimmern einer Wohnung im Südwesten der Großstadt. Gutbürgerlich, was das Vorderhaus betrifft. Hinten, über den Hof an den Mülltonnen vorbei, wohnen andere Leute. Da darf das Kind nicht hin. Nur mal eben in die Toreinfahrt schauen. Ein Kind darf schließlich nicht alles wollen, was es will. Getrocknete Tränen haben ihre Spuren auf den breiten Backen hinterlassen. Das Kind hat ein großes, manchmal trauriges Gesicht. Das kommt davon, weil alles so unordentlich geworden ist, sagt die Mutter. Und sie seufzt manchmal. »Du bist zu kurz gekommen durch Vaters Tod, Goldmarie.«
Die Mutter hält ihre Tränen sorgfältig vor dem Kind verborgen. Sie kann den Tod ihres Mannes, »nach langer, in Geduld ertragener Krankheit«, wie es in der Anzeige hieß, noch nicht verwinden.
Die Mutter muss jetzt manches Mal an ihre eigene Kindheit denken, sie als Mittlere von sechs Geschwistern. Den Großen war sie bei ihren Unternehmungen lästig, den Kleineren ging sie lieber aus dem Weg. Aber sie hatte noch wenigstens ihren Vater gehabt. Wenn sie sich allein und unverstanden inmitten der Geschwisterschar fühlte, flüchtete sie sich in sein Arbeitszimmer und saß ganz still mit einem Buch auf dem Fußboden neben seinem Schreibtisch, bis er mal aufblickte, die Brille nach oben schob und sie kurz aber freundlich ansah, um sich gleich wieder seinen Büchern und vielen Zetteln zuzuwenden. Ihre Mutter war immer beschäftigt. »Geh spielen, Ännchen«, war der stereotype Satz, den sie hörte, wenn sie in ihre Nähe kam und zu stören wagte. Die Mutter schien sich für nichts von alledem zu interessieren, was ihre kleine Tochter beschäftigte.
Nein, sie will für ihr Kind da sein, das soll es besser haben! Und das heißt, es immer im Auge zu behalten, Nur im Blickfeld des Balkons darf es auf der Straße spielen. Und die Mutter achtet genau darauf, dass es den rechten Umgang hat. Nicht mit den Kindern auf der Straße. Nicht mit den großen, frechen Jungen. Wer weiß, was die so einem stillen Kind alles antun könnten. Eines der Mädchen von unten darf gelegentlich mit nach oben kommen, aber nur, wenn Anna ihr Zimmer vorher sorgfältig aufgeräumt hat.
Die Mutter war als Kind viel krank gewesen, hatte wochenlang in ihrem Zimmer allein gelegen. Nur die Putzfrau hatte sich manchmal an ihr Bett gesetzt. Mit anderen, gar ›fremden‹ Kindern spielen, draußen herum toben, etwas aushecken und anschließend zusammenhalten gegen die Erwachsenen, sich streiten und wieder versöhnen, das hatte sie nicht kennen gelernt.
Das Kind steht noch immer unschlüssig. Balkon ist nicht das Gleiche wie unten spielen. Es steht am Rande des Teppichs. Der ist alt und hat Fransen. Manchmal hockt es sich hin und flicht Zöpfchen. Dann seufzt die Mutter: »Aber Goldmarie!« Und das Kind guckt schuldbewusst zu Boden. Aber beim nächsten Mal, wenn es sich langweilt und zu den unhörbaren Tönen im Esszimmer flüchtet, flechten seine Finger wie von allein Zöpfchen aus den Teppichfransen. Es bekommt sie nie wieder selber aufgeknübbert. Das macht jemand anderes. Vielleicht die große Schwester.
Das Kind setzt vorsichtig einen Fuß auf die Schwelle. Es hat inzwischen die Balkontür geöffnet, die Tür des Esszimmers ist ins Schloss gefallen. Es hat ein bisschen gescheppert. Mehr nicht. Das Kind entschließt sich, auf den Balkon hinauszutreten, dort Puppe und Stühlchen endlich abzustellen. Der Balkon ist schmal, viermal ein Meter, zu schmal zum Spielen. Das Kind steht, schaut und schnuppert, Augen und Nase weit geöffnet. Die Luft riecht nach Frühling. Die Blumenkästen sind leer. Nur ein Meisenring, leergepickt, baumelt noch. Die Sonne spielt Verstecken mit den schwellenden, schon glänzenden Knospen und Zweigen der Kastanien. Die Bäume sind groß und reichen von unten bis über den zweiten Stock hinaus. Die Bäume können unten sein. Die haben es gut. Aber es hat keinen Zweck mehr, an unten und an die Kinder zu denken. Es war ja nicht lieb, hat die Mutter gesagt. Wenn es mal groß ist, wird es selbst entscheiden, was es darf und was es nicht darf. Aber dann ist sowieso alles vorbei; »Wenn du groß bist, ist alles vorbei«, tröstet die Mutter, wenn es leise durch die Nase schluchzend wieder einmal mit aufgeschlagenem Knie von unten nach oben kommt.
Gestern war Ostern. Ostern ist, wenn man außer Weihnachten und Geburtstag noch etwas geschenkt bekommt. Anna hat eine kleine Kiepe bekommen, aus Spanholz, zum Aufschnallen auf den Rücken. Die hat sie sich schon lange gewünscht. Morgens hat sie erst im Wohnzimmer bunt bemalte, hart gekochte Eier gesucht. Überall sind die versteckt gewesen. Alle haben herumgestanden und gewartet, dass sie weiter suchen würde. Da hat sie die Kiepe gefunden. Alle haben gewartet, dass sie sich freuen würde. Sie hat sich gefreut, sich die Kiepe sofort auf den Rücken gehängt und ist damit um den großen Esszimmertisch herum gewandert. Dann hat sie Ein- und Auspacken gespielt mit den Spielsachen aus dem großen Regal im Kinderzimmer. Schließlich war Nachmittag, und sie hat alles ausprobiert, was sie mit der Kiepe machen konnte. Da wollte sie nach unten und sie den anderen Kindern zeigen.
Seit sie hier wohnte, das war noch nicht lange, zogen sie die anderen Kinder auf der Straße an, obwohl sie ihr noch immer fremd waren. Straßenkinder! Die Mutter fragte immer ganz genau, wenn sie vom gelegentlichen Spielen da unten mit roten Backen und halboffenen Zöpfen nach oben kam, wer denn mit ihr gespielt habe und was denn und wie denn. Manchmal wurde ihr solches Fragen lästig. Sie fing an, lieber allein zu spielen. Zunächst noch unten, an dem bisschen Erde rund um den Kastanienbaum. Oder sie ließ ihren Kreisel über das Pflaster springen. Schließlich begann sie öfters oben zu spielen. Da konnte sie nicht ständig gefragt werden, wer denn und was denn und wie denn.
Aber heute Nachmittag wollte sie nach unten und die kleine Kiepe vorführen. Ja, sie dürfe hinunter, aber ohne Kiepe. Die könnte sonst kaputt gehen. Da wollte Anna nicht wie die Mutter wollte, und sie maulte, wie die sagte. Sie war gar nicht lieb. Die Mutter schimpfte schließlich laut und verkündete, dass nun der Vater im Himmel ganz traurig sei.
Anna hatte sich geschämt, geweint und mit hängenden Armen da gestanden. Das sahen auch die Großen und meinten, dass sie nun wohl wieder lieb sein wolle. Da hatte sie nicht widersprochen.
Manchmal würde Anna viel lieber ganz wütend mit den Füßen aufstampfen, ein Spielzeug in der Gegend rumschmeißen, sich umdrehen und einfach schreien. Aber sie ist ja schon ein großes Mädchen. Das tut so was nicht. Hat sie »das Böckchen«, wird davon nur wieder der liebe Vater im Himmel ganz traurig. Dann muss sie sich schämen. Und wenn sie sich schämt, dann weint Anna. Vorhin hat sie auch geweint. Sie weiß jetzt schon gar nicht mehr so recht weshalb. Sie muss oft weinen. »Heulsuse« sagen dann die großen Geschwister. Ob die früher auch geweint haben?
Nun darf sie auf dem Balkon spielen, allein und oben. Nur der Kastanienbaum verbindet unten mit oben. Ob der Baum sieht, dass sie nicht lieb gewesen ist? Die Puppe und das Stühlchen sind endlich auf dem Balkon abgestellt. Und Anna holt sich die Kiepe und eine große Decke. Da kann sie sich eine Höhle bauen. Sie hat sich damit abgefunden, dass sie heute Nachmittag nicht nach unten darf, nicht mit der kleinen Kiepe auf dem Rücken. Sie richtet sich schließlich auf dem Balkon zum Spielen ein. Sie läuft hin und her, immer durch das geheimnisvolle Zimmer hindurch und über den Teppich mit den Fransen. Und sie trägt alles, was sie braucht, auf den Balkon. Klötzchen und Glasperlen. Die Mutter ist zufrieden, als sie nach ihrer Goldmarie schaut.
Die Kiepe steht abseits, zwischen Stuhl-Decken-Höhle und Hauswand, klemmt und passt sich nicht ein. Anna versucht es erst im Guten. Dann wird sie zornig. Sie schimpft laut, »Du böse Kiepe!« und zerrt an ihr. Aber die Kiepe gibt nicht nach. Sie hat sich verhakt. »Du sollst hören, was ich dir sage.« Aber die Kiepe bleibt stumm. Da gibt ihr Anna einen Stoß mit dem Fuß, und sie fällt um. Alle Glaskugeln springen heraus, die Klötzchen liegen auf dem Steinboden herum. Die Kiepe bleibt noch immer stumm und störrisch. Da wird Anna ganz schrecklich wütend, holt einen Stock und schlägt auf sie ein. »Wer nicht hören will, muss fühlen«. Anna ist allein. Niemand kann sie hören. Auch unten ist weit weg. Endlich kann sie laut und nach Herzenslust schimpfen und auf die Kiepe einschlagen, immer mehr, bis kleine Spanfetzen herausbrechen, zu Boden fallen. Da möchte sie am liebsten aufhören. Die schöne Kiepe! Und sie hatte sich so gefreut. Anna weiß gar nicht mehr so recht, warum sie so wütend geworden ist. Sie durfte doch schließlich auf dem Balkon spielen. Aber da innen, ganz tief im Bauch, da ist es so seltsam heiß. Sie kann nicht mehr aufhören. Je mehr die Kiepe zersplittert, desto mehr schlägt Anna darauf ein. Endlich zertritt sie mit den Füßen die übriggebliebenen Reste. So. Und so. Da liegen die Trümmer. Die schöne Kiepe! Anna hat aber keine Kiepe mehr. Da weint sie und läuft zur Mutter. Die kommt und hebt die Hände empor: »Ach du meine Güte! Was hast du denn da wieder angestellt, Goldmarie! Eine schöne Bescherung! Man kann dich doch keinen Augenblick allein lassen. Wieso hast du das getan?« Aber Anna schweigt. Die Kiepe hat auch geschwiegen.
Schade um die schöne Kiepe. Das kommt davon, wenn man so wütend ist. Anna bekommt Angst vor ihrem Gefühl, das sie vorhin tief und so heiß in sich gespürt hat. Am besten, es gar nicht mehr spüren. Nie wieder! Sonst geht noch mehr kaputt. Sonst hört der Vater im Himmel gar nicht auf, traurig zu sein. Als Anna die Spansplitter im Abfalleimer verstaut, schweigt sie noch immer. Deckel darauf und zu. Sie will nur noch lieb sein. Dann muss sie nicht mehr so viel weinen. Dann geht hoffentlich nichts mehr kaputt.

Zur Einsamkeit des behüteten Kindes
Nein, ich spreche nicht von der Einsamkeit eines äußerlich und meist auch innerlich vernachlässigten Kindes. Ich meine die ganz alltägliche kindliche Einsamkeit, die fast alle von uns heute Erwachsenen erlebt haben, sofern wir das Glück und das Schicksal hatten, als geliebtes und teilweise sogar behütetes Kind aufzuwachsen. Einsamkeit – damit meine ich hier, auf einen Nenner gebracht: nicht im eigenen So-Sein gesehen und respektiert werden, sondern einem Bild des Erwachsenen oder einer Norm entsprechen müssen.
Einsamkeit, das heißt: nicht die eigenen Bedürfnisse, Impulse und Gefühle wahr sein lassen dürfen, sie nicht leben können. Dem eigenen wachsenden Autonomiestreben nicht Gestalt geben können.
Wohlgemerkt, ich meine damit nicht, dass ein Kind »tun und lassen kann, was es möchte« – auch das wäre eine Form des Alleingelassenseins, der Einsamkeit. Wenn einem Kind alle Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen abgenommen werden, wenn es »behütet« wird, dann kann es nicht die eigenen Impulse und Gefühle auch in ihrer destruktiven Kraft kennen lernen. Es bleibt angewiesen auf den Schutz der Bezugspersonen. Oft ist ein solcher Mensch bis ins Alter hinein angewiesen auf die immerwährende Zuwendung anderer, auf den Schutz und die Weisungen von Autoritäten – sei es in der Gestalt von Vorgesetzten, Lehrern, »Meistern« bzw. (verinnerlichten) Glaubenssätzen. Oder scheinbar banal ausgedrückt: von den Spielregeln einer Spaß- und Freizeitgesellschaft.
Das eigene So –Sein nicht leben dürfen, führt letztlich dazu, die Gefühle unter Verschluss halten zu müssen – »Deckel darauf und zu«, es bedeutet, sich selber zu verschließen. Nicht mehr aus –sich –heraus –gehen können. Das, was eigentlich das Wort Aggression (an etwas herangehen) bedeutet, nicht leben können. Die Mutter leidet unter dem frühen Tod ihres Mannes. Sie hält selber ihre Gefühle dem Kind gegenüber verborgen und unter Verschluss. So gibt sie, ohne es bewusst zu wollen, ihrem Kind ein »Vorbild«, wie mit den eigenen Gefühlen – besonders mit dem Traurigsein – umzugehen ist. Anna hatte aus der Perspektive ihrer kindlichen Psyche heraus viele Anlässe und guten Grund, wütend zu sein. Aber damit übertrat sie die Familien- und letztlich auch gesellschaftlichen Normen. Anna hatte guten Grund, traurig zu sein – erlebte aber nur, als »Heulsuse« diffamiert zu werden. Oder, was noch schlimmer war, sie hörte den Satz »du brauchst doch nicht traurig zu sein« – einer der noch heute beliebtesten »Gefühlskiller«, nicht nur Kindern gegenüber!
Anna soll dem Bild von »Vaters Tochter« entsprechen. Ihr bleibt nur die Rolle des »lieben Kindes« übrig. Damit ist sie in ihrer Einsamkeit festgezurrt. Sicherlich, das alles läuft in der Regel »subkutan« und im Schutze des Unbewussten ab. Eben deshalb ist es auch so prägend und bis weit ins hohe Erwachsenenalter hinein wirksam.
Anna soll es besser haben als sie, die Mutter, es einst erlebt hat. Im Grunde »braucht« die Mutter ihre Jüngste, um an das eigene, mehr oder minder vergessene, gerade auch das schmerzliche Kindheitserleben wieder heran zu kommen. Aber eine solche Ein-Sicht in die erwachsene Psyche ist der Mutter wohl kaum möglich, sie überträte damit das Tabu ihrer eigenen, einsamen Kindheit!
Der Satz: »Mein Kind soll es besser haben als ich«, sollte geändert werden in: »Mein Kind soll es seinen Bedürfnissen entsprechend so gut wie möglich haben!« Im Grunde haben wir alle, die wir heute erwachsen sind, diese kindliche Einsamkeit erlebt, erlitten, erfahren – und können bestenfalls im Laufe der mancherlei Lebens-Herausforderungen ein Stück weit nachreifen: indem wir uns nochmals mit diesen frühen schmerzlichen Gefühlen konfrontieren oder auf sie durch schicksalhafte Erfahrungen gestoßen werden. Und indem wir versuchen, diesen damals vernachlässigten, negierten, unterdrückten Gefühlen ihre uns heute angemessene Gestalt zu geben – besonders den großen Gefühlen wie Zorn und Wut sowie Schmerz und Trauer, indem wir uns diese innere Arbeit »zumuten«, kann die kindliche Einsamkeit in uns dahinschmelzen, oder zumindest einen bewussten, akzeptierten Platz in unserer Person finden.





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Info:
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Benita Glage

Geboren 1936 in Memel. In Berlin zu Hause. Studium der Erziehungswissenschaften (u.a.). Fast mit Leidenschaft in der Erwachsenenbildung mit Frauen gearbeitet. 1997 nach Bonn übergesiedelt. Veröffentlicht Lyrik, Erzählungen, Romane, sachbücher und wurde mit mehreren Literatur-Preisen ausgezeichnet. Benita Glage möchte mit ihren Arbeiten dazu beitragen, dass Frauen und Männer ihr »inneres Haus« finden.
Veröffentlichungen (Auswahl):
Pentagramm oder Das Schulbrot, das in den Graben fiel, München 2008.
Vergiss nicht, dass du aufgebrochen bist. Kurze Erzählungen und Texte, Bonn 2006. Über das Alter – Vom Recht, alt werden und trauern zu dürfen. Essay, Bonn 2003/2005.
Die Brücke. Erzählung, Bonn 2001.
In der Liebe zuhause sein. Roman, Literatur Atelier im Frauen Museum, Bonn 1999.
Die Steppenwölfin – Alleinleben von Frauen. Skizzen, Intensivinterviews, Reflexionen. Eine Studie, Hg. Evangelisches Bildungswerk, Berlin 1995.
Lass uns wieder über Liebe reden. Roman, Salzer, Heilbronn 1993.
Warum bleibt der Gott im Himmel? Mit Kindern über das Leben nachdenken. Ein Lesebuch für Erwachsene, Kösel, München 1992.
SelbstGespräche. Gedichte, Berlin 1984.

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