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Reinhard Giebel
Zwölf Ausflüge

Die besonderen Hefte
2013, 6,50 Euro 60 Seiten
ISBN 978-3-935421-87-4


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Expeditionen in eine bekannte Welt

»Mein heutiger Weg führt mich an die Peripherie der Stadt und darüber hinaus. Ich gehe zunächst nach Norden auf der Weinstraße und komme nach einem Kilometer an ein kleines Waldstück, durch welches der Luchsweg führt und der, als ich den Wald wieder verlasse, zum Biberpfad wird. Nach 300 Metern biege ich rechts ab in den Kaasweg und befinde mich nun in einer bäuerlichen Kulturlandschaft. «

An zwölf Tagen unternimmt Reinhard Giebel Ausflüge in einer imaginären Stadt, die uns in mancher Hinsicht vertraut erscheint.
Es geht dabei um Musik, Bücher, Film, Naturschutz, Weichkäse und Artistik.
Unaufgeregt und mit hintergründigem Humor zeigt der Autor das oft wunderliche Leben und Treiben seiner Stadtbewohner.

Leseprobe (pdf-Datei)







Leseprobe:

Zehnter Tag
Am Mittwoch verlasse ich meine Wohnung gegen 18 Uhr in Richtung des nahegelegenen Bahnhofs. Das Wetter ist wechselhaft, aber recht warm. Drei Fans der deutschen Fußball-Nationalmannschaft kreuzen meinen Weg; alle um die 50 Jahre alt, die strammen Bäuche in hautenge Trikots gezwängt und angetan mit Fan-Kappe und dreifarbigem Fan-Schal, schauen sie mich stolz und zugleich etwas mitleidig an. Sie bereiten sich mental vor auf die öffentliche Live-Übertragung (= Public Viewing) eines EM-Tournier-Spiels gegen die Niederlande, den alten Lieblings-Rivalen.
Ich steige in den Regionalzug L22 und habe nach vier Stationen mein Ziel erreicht: die Nordheimer Siedlung im äußersten Westen des Stadtgebietes, benannt nach dem Fabrikanten und Mäzen Gustav Nordheim. In diesem Ortsteil ist vor einem Jahr das Franz Liszt-Konservatorium – eine private Musikschule – eröffnet worden, die sich einen guten Ruf durch ihr Curriculum und zwei vielbeachtete Veranstaltungen erworben hat. Das Kollegium ist bestrebt, die Schüler sowohl mit Neuer Musik als auch mit frei improvisierter Musik vertraut zu machen – so, wie es auch der für heute konzipierte Programmablauf widerspiegelt: Im ersten Teil wird ein Stück Neuer Musik aufgeführt, das sich auf ein Werk von Duchamp bezieht. Es folgt eine kurze Pause, in der sich die Besucher über die Aktivitäten des Instituts informieren können. Der zweite Teil ist dem Auftritt eines Free Jazz-Quartetts vorbehalten; daran soll sich eine Diskussion anschließen mit Fragen an die Mitwirkenden zur Vertiefung des Gebotenen.
Der französische Konzeptkünstler Marcel Duchamp (1887-1968), Vorbereiter der Dadaismus- und Surrealismus-Bewegungen, der sich auch intensiv mit musikalischen und kompositorischen Prinzipien befasste, schuf im Jahre 1913 eine Zufallskomposition mit dem Titel »Erratum Musical«: Aus einem Hut wurden dreimal nacheinander 25 Zettel gezogen, die sich, mit unterschiedlichen Tonhöhen beschriftet, zusammen mit einem sinnfreien Text zu einem dreistimmigen Vokalwerk ergänzten.
Für die heutige Veranstaltung wurde dieses Werk leicht abgewandelt: 20 Zettel, mit verschiedenen Tonhöhen und Notenwerten versehen, werden viermal hintereinander aus einem Bowlegefäß gezogen, die Tonhöhen und Notenwerte auf vier großen Schultafeln festgehalten und dann von vier professionellen Bläsern (Blockflöte, Klarinette, Waldhorn, Posaune) quasi ›vom Blatt‹ gespielt. Dazu wird ein dadaistisches Lautgedicht von einer Sprecherin deklamiert, ein Opus mit dem Titel KARAWANE, geschrieben 1917 von Hugo Ball; die ersten vier Zeilen lauten wie folgt:

jolifanto bambla ô falli bambla
grossiga m’pfa habla horem
égiga goramen
higo bloiko russula huju

Die Veranstalter haben auf den Einsatz kompetenter Akteure bei dieser Darbietung großen Wert gelegt; für die Auslosung hat man zwei Musikstudenten gewonnen, die vier Bläser sind Mitglieder des Städtischen Symphonie-Orchesters und die Sprecherin gehört dem Ensemble des Schauspielhauses an.
Die Ziehung und Niederschrift der Noten wird – vor allem von den jüngeren Zuhörern/Zuschauern – mit einigem Interesse verfolgt. Ein Student entnimmt dem Gefäß die beschrifteten Zettel und verkündet Tonhöhe und Notenwert [z.B. ›D3‹ und ›Fünf Viertel‹] und sein Kollege notiert auf einer der Tafeln die bekanntgegebene Note.
Die Instrumentalisten haben die Aufgabe bekommen, ihre auf den Tafeln notierten Stimmen je einmal vom Anfang bis zum Ende, einmal rückwärts und einmal ad libitum [random] zu spielen, ohne längere Pausen zwischen den Durchgängen einzulegen. Die Ausrichtung des Ablaufs und rhythmische Gestaltung der Reihen sind ihnen überlassen, so dass sich interessante Mischungen und Überschneidungen ergeben könnten. Das Publikum nimmt diesen Programmpunkt unterschiedlich auf
: die älteren Zuhörer reagieren reserviert und gefasst (= »es könnte ja noch schlimmer kommen!«), die jüngeren finden die abrupten Tonsprünge im Zusammenklang mit dem gesprochenen Wort recht lustig.
Die kurze Pause nach diesem ersten Programm-Punkt soll den Besuchern vor allem Gelegenheit geben, Einblick zu nehmen in die Konzeption und die »Philosophie« des Instituts. Zu diesem Zweck hat man im Foyer ein paar Regale aufgebaut, die in Form von Flyern schnell konsumierbare Lektüre anbieten. Hier erfährt man auch etwas zur Namensgebung der Schule: Einer der Gründer, ein immigrierter Ungar, setzte sich ein für Liszt mit dem Argument, dieser habe in seiner Karriere eigentlich jede spätere ›moderne‹ Stilrichtung in der Musik vorweggenommen.
Es tippt mir jemand auf die rechte Schulter. Ich wende mich zur Seite und erkenne Stefan Kampmann, einen guten Bekannten. Vor einigen Jahren habe ich von ihm einen gebrauchten Synthesizer gekauft und diesen bei ihm abgeholt, und seitdem sind wir uns immer mal wieder bei Musikereignissen über den Weg gelaufen. Kampmann ist Jazzkritiker mit einer eigenen Radiosendung (die alle 14 Tage ausgestrahlt wird) und einem Faible für musikalische Grenzerfahrungen. Für den zweiten Veranstaltungsteil ist ein Free Jazz- Quartett angekündigt, das als Trio beginnt. Der Pianist ist Engländer, der Altsaxofonist und der Schlagzeuger sind Deutsche. Wenn man diese Musizierweise – den freien Jazz – puristisch betrachtet, haben die Ausführenden eine schwer zu meisternde Aufgabe vor sich, denn es wird verlangt, dass sich jeder Musiker ohne Materialvorgabe auf das bezieht, was sich sein Kollege spontan einfallen lässt. Je mehr Künstler zusammen musizieren, desto schwieriger wird es. Bei vielen Free Jazz-Konzerten habe ich immer wieder festgestellt, dass in Gruppen mit vermeintlich völlig gleichberechtigten Mitgliedern sich oft ein Musiker als heimlicher Leader herausstellte und dass die anderen auf seine Anregungen in Form von Melodiebröckchen oder rhythmischen Impulsen förmlich warteten, um diese dann zu verarbeiten und weiter zu entwickeln.
In diesem Konzert ist es der englische Pianist, der sich als unauffälliger, aber souveräner »Anführer« herausstellt.
Insgesamt musizieren die drei versiert, uneitel und mit einer Portion Humor.
Nach zwei 10minütigen Exkursionen betritt ein vierter Musiker die Bühne mit einer Posaune in der Hand. Während die anderen sich langsam über einen Percussions-Teppich des Drummers in ein neues Werk hineintasten, hat der vierte offensichtlich Schwierigkeiten mit seiner Zugposaune, die bisher noch keinen Ton von sich gegeben hat. Er betrachtet das Blasinstrument von allen Seiten, klopft es ab und beginnt, es auseinanderzunehmen. Dabei legt er die Einzelteile säuberlich geordnet auf ein Beistelltischchen, blickt durch das Mundstück wie durch ein Fernrohr, pustet hindurch – und baut schließlich die Teile wieder sorgfältig zusammen. Dann legt er die Posaune beiseite.
Während die anderen drei immer komplexere Strukturen entwickeln, holt er sich einen Stuhl, platziert diesen vor dem Saxofonisten, setzt sich seinem Kollegen gegenüber nieder und mustert diesen eindringlich bei dessen Spiel. »Was ist das denn für ein Posaunist, der ist doch wohl nicht ganz dicht?« empört sich Stefan Kampmann. »Das ist ein Clown, ein echter«, flüstere ich ihm zu. Ich habe es von einem der Veranstalter vor ein paar Tagen erfahren – unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Stefan schaut mich ungläubig an, aber als ich bestätigend nicke, glaubt er es mir.
Der ›Posaunist‹ hat sich inzwischen einen Schreibblock aus seiner Brusttasche geholt und macht sich Notizen wie ein Psychiater während einer Sitzung, als Kampmann dröhnend zu lachen beginnt. Auch ich kann mich nicht mehr zurückhalten und stimme ein – wenn auch etwas leiser. Einige Kinder lachen mit. Vor uns dreht sich eine distinguierte Dame um und zischt uns aus. Als wir weiterhin lachen, ruft ein Herr hinter uns: »Unverschämtheit!« Ich sage hörbar: »Hier ist offenbar Lachen verboten!«
Zwei Reihen vor uns dreht sich ein älterer Herr um: »Sie können ja draußen weiterlachen!« S.K. stößt mich an und sagt entschlossen: »Komm, wir geh’n!«
Er nimmt mich in seinem Auto mit. Im Stadtzentrum suchen wir eine spezielle Kneipe auf, die bekannt dafür ist, dass es dort ziemlich ruhig zugeht, ideal für Gespräche – und Schach zu spielen.
Wir bestellen zwei Gläser Rotwein und leihen uns ein Schachspiel aus. Wir sind etwa gleich spielstark und vergessen die vorherige und die nächste Stunde.






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Info:
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Reinhard Giebel ist in Göttingen geboren. Er ist Pianist und war Mitbegründer des Gunter Hampel-Quintetts.
Piano-Solokonzerte, Veröffentlichung von 5 LPs und 6 CDs
Musik zu Kurzfilmen, Theatermusik, Hörspiele
Im NordPark Verlag erschienen bisher:

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»Aufregung in Kassel«
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